Im Wartezimmer

Ich hatte einen frühen Termin ergattert, weil kurzfristig jemand abgesagt hatte. Da sass ich nun also im Wartezimmer meines Arztes und überlegte, ob ich mir eine der abgenutzten Zeitschriften greifen sollte oder doch lieber nur die Bilder an der Wand anstarrte, während ich auf meinen Termin wartete. Eine junge Frau betrat den Saal, sie durfte Anfang 20 sein, sah kerngesund aus. Was machte sie beim Arzt? Neugierig wie ich nun mal bin, versank ich in Gedanken und malte mir aus, dass sie Fusspilz hatte oder aber heimlich in meinen Arzt verliebt war und ihn immer wieder sehen musste. Oder sie brauchte ein Rezept für die Pille. Oder sie hatte eine seltene Erbkrankheit, die noch gar nicht diagnostiziert worden war – und nur mein Arzt konnte sie retten. Lange konnte ich nicht in meinen Gedanken schwelgen, denn die Praxisassistentin holte die Frau ab zur Blutabnahme. Aha. Eisenmangel, garantiert. Müde hatte sie ja schon ausgesehen.

Ich sass wieder alleine in der Stille. Und wartete und wartete. Die junge Frau kam nicht zurück. War ihr schlecht geworden, so dass sie sich hinlegen musste? Fast hatte ich Mitleid mit ihr. Da trat mein Arzt in den Wartesaal, mit einem Strahlen auf dem Gesicht, als wären draussen 30 °C im Schatten auf Hawaii und nicht Schnee und Kälte in Zürich. „So, dann wollen wir mal, Frau Meyer.“ Er stockte, realisierte, dass keine Frau Meyer im Wartezimmer sass, sondern eben ich. Er blickte mich irritiert an und meinte „Oh, ich hatte eigentlich eine junge Frau erwartet.“

Stille. „Und was bin dann ich!?“, platzte es aus mir heraus. Mit hochrotem Kopf entschuldigte er sich. Auch Ärzte sind nur Menschen, das habe ich gelernt. Und ich werde älter. Auch das habe ich begriffen.

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