Fliegenbeine

Die Fliege räkelte sich auf dem Parkettboden. Dünn und staksig streckte sie ihre Gebeine von sich, während sie über ihre Existenz nachdachte. Eigentlich wäre sie gerne eine Ameise: klein, so klein, unbeachtet und doch immer tätig. Ein sinnvolles Dasein. Die Beine schlanker als die einer Fliege. Fliegenbeine sind fett.

Und sie betrachtete mit grossen Augen ihre Gelenke, die schmerzten, weil sie einen zu grossen Körper zu tragen hatten. Ihre Augen traten von ihrem Kopf hervor, so unproportioniert war sie. Der Fliege wurde schwindlig, alles drehte sich um sie. Sie sah zu viel.

Sie hatte Durst. Zaghaft entfaltete sie ihre Flügel, ein Flirren ging durch den Raum. Hoffentlich störte sie niemanden mit ihrem Lärm, das könnte sie sonst ihr Leben kosten. Schon oft war ein Mensch auf sie aufmerksam geworden und hatte dann Jagd auf sie gemacht. Nur mit Mühe hatte sie sich jeweils in die Lüfte erheben können und sich dabei immer wieder vorgestellt, sie wäre so klein wie eine Ameise, die in jeder Ritze des Parkettbodens verschwinden konnte. Sie wusste, sie störte mit ihrem Gesumse, störte Menschen bei der Arbeit, im Gespräch oder überhaupt. Ja, eine Ameise müsste man sein, unauffällig und fein. Aber sie war eine fette Fliege, ein Störenfried, den man beseitigen musste. Diese Kopfschmerzen.

Sie erhob sich mühsam, kam kaum vom Boden weg. Durst hatte sie. Unkoordiniert stakste sie durch den Raum, hielt sich mit ihren Armen an den Möbeln fest. Dann ein dumpfer Aufschlag, und Jessica war tot – sie war zu dünn geworden für ihr schweres Herz.

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