Good mum

Habe heute einen Artikel von Milena Moser in der aktuellen Weltwoche gelesen. Thema: „Was ist eine gute Mutter?“ Moser beschreibt pointiert die mütterliche Angst, beim Nachwuchs zu versagen, nicht alles richtig zu machen. Sie macht deutlich, dass die berühmten „mommy wars“, die besserwisserischen Kriege unter den Müttern, ein selbstregulierendes System sind, in dem man die eigene Unsicherheit auf die anderen Mütter projiziert. Ich selbst habe diese mommy wars immer nur in folgender Version erlebt: Als berufstätiges Mami erhalte ich viele schale Blicke von anderen Müttern, wenn ich sage, dass ich 80% arbeite, und erst noch in einer Führungsposition. „Ich habe mich halt für das Kind entschieden, aber Du musst es ja wissen.“ Das tut weh, auch wenn ich als gebildete Frau da durchaus die Eifersucht raushöre. Aber die Grundangst, dass ich LadyGaga eine schlechte Mutter bin, nährt sich von solch bescheuerten Aussagen.

Gestern habe ich aber etwas erlebt, was mich sehr nachdenklich stimmt. Ich war an der Beerdigung von M.’s Grossvater. Eine traurige, emotionale Angelegenheit mit über 200 Trauernden – der Verstorbene war in der Gemeinde sehr aktiv gewesen. Wir wollten LadyGaga deshalb eigentlich in der Krippe lassen, um die Trauergemeinde nicht zu stören, doch meine Schwiegermutter wollte, dass sie dabei ist, denn es sei Familie und damit hat sie ja recht.

Also war unsere Tochter auch an der Beerdigung. Wir standen am Urnengrab, und der Pfarrer sprach andächtig. Die Emotionen überkamen mich und ich weinte, denn ich hatte M.’s Grossvater sehr gemocht. LadyGaga war bei ihrem Vater auf dem Arm. Es war brütend heiss, aber sie kuschelte sich nur an ihn und gab keinen Ton von sich. Anschliessend gingen wir in die Kirche für den Trauergottesdienst – fast eine Stunde! LadyGaga sass auf meinem Schoss in der ersten Reihe. Kuschelte sich an mich. Sie ging zu meiner Schwiegermutter, um dann bei ihr auf dem Schoss zu sitzen. Sie spielte leise mit der Armkette der Witwe, ihrer Urgrossmutter. Kam wieder zu mir, reichte mir ein Taschentuch, um meine Tränen zu trocknen. Sie war still. Nur einmal, in der Schweigeminute (natürlich!), quietschte sie ein vergnügtes „Dä-do!“ und zeigte auf das Gesangsbuch. Dann schwieg sie wieder entspannt. Ich war stolz auf meine Kleine und erleichtert, dass alles so gut geklappt hatte.

Dann, vor der Kirche, die Überraschung. Ich hörte, wie man sich über LadyGaga unterhielt. „Was für eine süsse Kleine, und so gut erzogen.“ „Ja, sie hat gar nicht geschrien, ich war ganz erstaunt, und das in dem Alter.“ „Ja, das ist seine Urenkelin.“ „So ein liebes Kind.“

Dann kamen die Leute zu mir, um sich mit mir über meine Tochter zu unterhalten. Und keiner fragte nach den verdammten 80% und warum ich nicht einen 24/24-Einsatz für LadyGaga schieben kann und will. Nein, als ich verlegen erklärte, dass LadyGaga in Kirchen immer sehr andächtig und besonnen ist und wohl Gott spürt, belehrte man mich fröhlich: „Kann schon sein. Aber man sieht ganz einfach, dass sie ein glückliches, zufriedenes Kind ist, das geliebt wird.“ Das hat mich glücklich und stolz gemacht. Ich glaube, es ist doch ganz gut so, wie es ist.

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