Beisskind aus Leidenschaft

Mein Name ist Mama on the rocks und ich habe ein Beisskind. LadyGaga, wie wir unsere Tochter nennen, beisst aus Leidenschaft. Aus Wut. Aus Liebe. Aber sie beisst, und zwar hemmungslos. Zuerst biss sie mich in den Oberschenkel, als sie anderthalb war, dann in einem vollen Wutanfall meinen Mann in den Hals. Und plötzlich häuften sich die Meldungen aus der Krippe, dass LadyGaga wieder ein Kind gebissen hatte. Man beruhigte uns besorgte Eltern, dass das ganz normal sei, und dass es eben Beisskinder gebe, genauso wie Schubskinder und Kratzkinder. Das gehe vorbei. Also: Wir haben ein Beisskind.

Die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden… aber das gilt nicht für Eltern. Letzten Freitag war ein Muttertagsfest in der Kita, das den Kontakt zwischen den Eltern anregen sollte. Wir gingen also bei gut gelaunten 30 Grad hin. LadyGaga zeigte auf einen Jungen und sagte ganz wichtig zu mir: „Das ist Dominik.“ „Oh, Du bist Dominik? LadyGaga hat schon viel von Dir erzählt.“ Dominiks Mutter, die daneben stand, sah mich an und sagte: „Ach, das ist LadyGaga? Sie hat Dominik gebissen!“ Ich wäre am liebsten im Erdboden verschwunden und räusperte mich verlegen. Die Mutter ging mit ihrem Sohn weg. Ich schluckte und straffte dann meine Schultern. Auch andere Eltern haben Kinder. Hinter uns erspähte ich ein Mädchen mit seinen Eltern. „Hallo, ist das nicht ein herrliches Wetter? Ich bin Mama on the rocks und das ist LadyGaga.“ Stille. Dann: „LadyGaga? Die hat meine Céline gebissen!“
Nun gut, als angeregt kann man diesen Elternkontakt nicht bezeichnen. Eher als aufgeregt. Ich fühlte mich indirekt gemassregelt und im Kollektiv mit meiner Tochter abgestempelt. Peinlich berührt, das war ich. Es ist ja nicht so, als würden wir LadyGaga dazu ermutigen, um sich zu beissen. Natürlich sprechen wir mit ihr, erklären, dass sie ihren Freunden damit weh tut, dass man „das“ nicht tut.
Im aktuellen Migros-Magazin vom 14. Mai 2012 ist ein Artikel über kleine Grobiane erschienen. Maria Mögel, Kinder- und Jugendpsychologin, erklärt im Interview, dass es bei einer Zweijährigen nie darum geht, etwas zu zerstören, sondern darum, ein Bedürfnis zu verbalisieren. Was aber, wenn LadyGaga die Sprache bereits gefunden hat? Laut Maria Mögel hat Hauen, Kratzen und Beissen eben einen grossen Effekt: „Wenn man das macht, kommen die Mamas angerauscht.“ Aha, es geht also nur um die Bühne; das Theaterstück unserer Kinder will gesehen werden. Also übe ich mich in Selbstdisziplin, ermahne meine LadyGaga nur mit Worten aus der Ferne. Garantiert kommt dann aber eine wutschnaubende Mutter angerannt, deren Kind von LadyGaga gebissen oder geschubst worden ist. Die Mütterpolizei ist überall – selbstregulierend, fundamentalistisch, universell.
Was hilft also gegen Beissen? Laut Frau Mögel muss Ärger sozialisiert werden: „Eltern können den Kindern beibringen, was man tun kann, wenn einen die Wut packt oder die Angst überwältigt. In manchen Familien wird zum Beispiel laut gestampft, in anderen dürfen alle auf ein Sofakissen hauen und laut „Nein!“ schreien.“ Wie bitte?! Hätte ich heute also nicht brüllen sollen, als LadyGaga das neue Ledersofa von oben bis unten mit Wasser aus der Giesskanne vollgespritzt hat, obwohl ich es ihr fünf Minuten vorher verboten hatte? (Jaja, selber Schuld, ich hätte ihr die Giesskanne einfach aus der Hand nehmen sollen, anstatt nur das Verbot auszusprechen.) Hätte ich stattdessen mit dem Fuss stampfen sollen?

Ich sehe es ja ein: Ich bin kein Deut besser. Meine Zweijährige beisst, wenn sie nicht weiter weiss. Und ich brülle eben. Ob sich das auch irgendwann auswächst?

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