Alter ist relativ

Da sitze ich im Wartezimmer und warte darauf, in die Sprechstunde gehen zu können. Kurz vor 8 Uhr. Eine junge Frau betritt den Saal, sie wird wohl Anfang 20 sein. Während ich noch weiter warten muss, holt die Praxisassistentin die Frau zur Blutentnahme ab. Wieder alleine. Warten. Warten. Mein Arzt erscheint im Wartesaal. «So, dann wollen wir mal, Frau Meier.» Er stockt, realisiert, dass da keine Frau Meier im Wartezimmer sitzt, sondern eben ich. Er blickt mich irritiert an und meint: «Oh, ich habe eigentlich eine junge Frau erwartet.»
Stille. «Und was bin dann ich!?», platzt es aus mir heraus. Mit hochrotem Kopf entschuldigt er sich. 


Gehöre ich mit 35 echt schon zum alten Eisen? OK, samstagabends gehe ich jeweils um elf ins Bett. Mit zwanzig bin ich um diese Zeit erst in die Stadt gegangen, um die ganze Nacht lang zu flirten und zu tanzen. Ich rauche und trinke nicht mehr – nicht nur, weil das schädlich für die Umgebung von LadyGaga ist, sondern auch, weil ich schlichtweg keine Energie und keine Zeit und sowieso keine Lust mehr darauf habe. Ich bin meistens müde und ausgelaugt. Hey, und wenn ich nicht müde bin, bin ich sowieso am Schlafen! Oder mit LadyGaga beschäftigt. Oder am Arbeiten. Deshalb mache ich keine Nächte mehr durch; Es reicht, wenn ich wegen LadyGaga um halb zwei Uhr morgens aufstehen darf, so wie letzte Nacht (grrrrr!!!).  

Mit zwanzig ging ich nie ungeschminkt aus dem Haus raus, heute denke ich oft: «Scheiss drauf, abends muss ich das ganze Zeugs eh wieder aus dem Gesicht wischen.» Das Alter (bzw. der Fakt, dass wir Kinder haben, die uns den letzten Nerv rauben) macht uns bequem. Wir besinnen uns auf die Dinge, die uns wirklich wichtig sind. Und auf meiner Top-Ten-Liste steht bestimmt nicht «Straffe Haut. Straffer Hintern. Straffer Busen.» Nein, da steht: «Abschalten. Schlaf. Lasst mich in Ruhe!!»

Also: OK, ich bin echt nicht mehr so jung und unverbraucht wie ich mal war. Aber dann schreibe ich wieder einen Blogeintrag und fühle mich wie mit zwanzig, als ich Schriftstellerin werden wollte, nur ohne den ganzen Seelenmüll, den man damals mit sich herumgetragen hat. Und das ist ein tolles Gefühl.  

Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

3 thoughts on “Alter ist relativ

  1. ich hatte dein Alter bisher noch nicht rausgelesen und kann dein Zwanzigergefühl beim Schreiben nur bestätigen. Hätte vermutet, dass die 30 noch ein ganzes Stück entfernt ist bei dir! Und ja, mit den Prioritäten geht's mir ähnlich 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.