Wie spricht man mit Kindern über den Tod?

Und wieder einmal dreht sich bei uns alles um den Tod. Konkret um denjenigen von Michael Jackson, und ich fürchte, wir haben uns die Suppe diesmal selbst eingebrockt. LadyGaga möchte ja Popstar werden und hört sehr gerne unsere Musik-CDs. Michael Jackson als King of Pop darf in unserem CD-Regal (ja, so was haben wir) natürlich nicht fehlen. Und plötzlich fängt LadyGaga an, uns Löcher über den King of Pop in den Bauch zu fragen.
Sie steht vor mir mit den Händen im Schritt. Ich frage sie etwas konsterniert, ob sie aufs Klo muss. Sie: «Nei, das isch dänk dr Moonwalk!» Sie lacht.
Michael Jackson mit brennenden Haaren auf der Bühne – wir hatten von seinem Unfall erzählt, der dazu geführt hat, dass er starke Medikamente nehmen musste, nach denen er süchtig wurde und an denen er starb. LadyGaga verzweifelt: „Ich verstoh eifach nid, warum är die Medikament gno het!“
Sie läuft durchs Haus und haucht «Who’s bad?» (klingt bei ihr aber eher nach «Husbäää»).
Und sie steht mit feuchten Augen vor mir, schlingt ihre Arme um mich und heult, «will dr Maikl Chickens tot isch.»
Hätten wir nur nichts gesagt. Oder doch?
Wie viel Wahrheit verträgt ein Kind?
Sie weiss mit viereinhalb, dass Tote nicht mehr bei uns auf der Erde sind, sondern im Himmel bei Gott. Sie hat den Tod der Urgrosseltern erlebt, auch wenn sie da noch kleiner war. Aber wenn sie sich daran erinnert, weint sie.
Ich bin mir nicht ganz sicher, weshalb sie weint. Michael Jackson hat sie ja nicht gekannt, und die Urgrosseltern auch nicht wirklich, da sie da noch zu klein war. Projiziert sie den Tod auf uns, ihre Eltern, ihre Grosseltern? Ist es die Angst, uns zu verlieren? Ich getraue mich nicht, sie darauf anzusprechen, weil ich nicht will, dass Dämme brechen. Sie steigert sich immer regelrecht in ihre Emotionen rein. Als sie mit ungefähr drei Jahren erkannt hat, dass wir alle irgendwann sterben müssen, hat sie tagelang geweint, weil sie nicht ohne uns sein wollte. Ich habe immer wieder versichert, dass wir alle ganz alt werden. In ihrer Vorstellung sterben jetzt nur alte Leute, aber ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihr zu sagen, dass auch Kinder sterben können. Und auch Mamis und Papis. Das Thema ist also ausgeklammert, und doch weint sie, wenn sie an Michael Jackson denkt. Ich bin wieder einmal ratlos.

 

Mit dem Tod ist es wie mit dem Kinderkriegen
Als ich 2012 eine Fehlgeburt hatte, wusste LadyGaga nicht, warum ich ins Spital musste. Vor kurzem hat sie mich auf diesen Spitalaufenthalt angesprochen und nachgefragt. Ich habe ihr erklärt, dass ich ein Baby im Bauch gehabt habe, dass dann aber leider nicht bei uns geblieben ist. Sie war erschrocken. Aber es sollte doch kein Tabu sein, oder?
Meine Erkenntnis: Mit dem Tod ist es wie mit dem Kinderkriegen. Beides sind Themen, die wir altersgerecht mit unseren Kindern besprechen sollten. Aber das Aufgewühltsein meiner Tochter macht mir auch meine eigenen Defizite deutlich: Ich habe selbst ein Problem mit dem Tod, ich will nicht sterben! Aber ich muss es irgendwann. Wie kann ich also meinem Kind vermitteln, dass es nicht traurig sein muss, weil Michael Jackson tot ist? Ich weiss nicht, welche Fragen ich stellen muss und ich weiss nicht, welche Antworten ich geben darf, damit LadyGaga mit ihrer Trauer besser umgehen kann.
Klar, jetzt kommen die Tipps: offen reden, die Dinge benennen, Trauer zulassen. Das versuche ich, das lebe ich. Aber wie gesagt, LadyGaga steigert sich in Gefühle regelrecht rein, und zwar auf ungesunde Weise. Ich möchte sie schützen, möchte sie stärken. Aber dafür muss ich wohl zuerst mit mir selber und meiner Einstellung zum Tod ins Reine kommen.

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One thought on “Wie spricht man mit Kindern über den Tod?

  1. Ich glaube, es gibt kein "richtig" und "falsch" im Umgang mit dem Tod. Da müssen Eltern wohl ganz individuell entscheiden, wie viel sie dem Kind zutrauen und in wie weit sie dieses schwer zu Verstehende thematisieren… Ich erinnere mich an den Tod meines Opas, ich war 4,5 Jahre alt, genau wie Fiona jetzt, und durfte nicht mit rein in die Halle, in der er aufgebahrt lag. Meine Eltern wollten mich vielleicht schützen, die Ungerechtigkeit dieser Welt von ihrem kleinen Mädchen fern halten. Ich weiß nur, dass es mich manchmal heute noch beschäftigt, dass ich mich nicht verabschieden konnte. Ich weiß, dass es damals eine falsche Entscheidung gewesen ist, mich nicht mit reinzunehmen, bin aber dennoch sehr froh, dass wir bisher außer dem Hund noch keinen traurigen Verlust in der Familie hatten (*toi toi toi*), den ich Fiona hätte verständlich machen müssen. Wenn man selbst nicht damit umgehen kann, wie soll man es dann dem kleinen Menschen "leichter" machen?
    Liebe Grüße!

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