Für wen sind Mamablogs eigentlich?

Ich schreibe ein Blog. Und ich twittere. Thema: meine Kinder. Warum? Weil es mir gut tut. Ich habe schon immer geschrieben. Als Kind habe ich Geschichten erfunden. Als Teenie exzessiv ins Tagebuch gekritzelt (etwa 5 gleichzeitig, nach Themen geordnet…) und romantische Songtexte komponiert, um meinen Herzschmerz in Worte zu fassen. Als junge Frau dann habe ich gescheiterte Beziehungen in (unpublizierten) Romanen verarbeitet. Schreiben hat mir stets dabei geholfen, meinen Kopf klar zu halten. Zu formulieren hat Ruhe in mein Leben gebracht.

Kurz vor der Geburt meiner Tochter 2009 durfte ich mehrere Wochen als Kolumnistin in einer Zeitung schreiben. Ich fühlte mich endlich AM LEBEN bis in die Wurzelspitzen meines Seins. Und dann kam meine Tochter. Ich entschied mich, das Schreiben hintenanzustellen. Es fühlte sich rational richtig an, aber der Entschluss tat weh. Als Erstmama war ich zunächst überfordert und mit meinem eigenen Erfolgsdruck beschäftigt. Ich konnte nicht stillen. Ich hatte Angst, das Baby anzuziehen, weil ich es nicht zerbrechen wollte. In der Klinik weinte ich in absoluter Panik, weil sich die Perlen ihres Namensschildes gelöst hatten. Ich hatte Angst, sie hätte sie gegessen (man stelle sich mal vor, wie sich ein zwei Tage altes Baby genüsslich Plastikperlen in den Mund stopft…). Ich hatte überhaupt Angst, irgendetwas falsch zu machen. Ich glaube, ich war eine hysterische Mama. Drei Monate nach der Geburt arbeitete ich wieder 80%, und ich fühlte mich mies dabei. Irgendwie war ich einfach nicht dort, wo ich sein wollte. Ich wollte bei meinem Kind sein. Aber meine Karriere wollte ich auch nicht aufs Eis legen. Vereinbarkeit? Schwierig.

Mein Mann richtete mir das Blog ein, um weiter schreiben zu können, aber Social Media waren ein Fremdwort für mich, die Hemmschwelle zu gross. Für das Internet schreiben? Für wen schreiben? Unbezahlt? Ich schrieb nur wenig, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, Mutter zu sein. Bis ich irgendwann merkte, dass das Schreiben über mein Kind mich wieder erdete. Schreibe ich den Blog also nur für mich? Für wen sind Mamablogs eigentlich?

Für mich, für dich, für uns?
Dass Mama- und Papablogs politisch sind, darauf hat bereits Carola von Frische Brise hervorragend hingewiesen. Und dass sie den Familienclan ersetzen, weil wir heute einfach digital statt im Dorf miteinander vernetzt sind, hat Susanne Mierau an der re:publica-Blogger-Konferenz in Berlin diesen Frühling eindrücklich demonstriert. Ich finde es ganz toll, mich mit anderen Müttern digital auszutauschen, weil ich mir hier besser aussuchen kann, mit wem ich kommunizieren will und mit wem nicht. Man lernt voneinander. Man schätzt sich. Man nimmt auch gerne Tipps an. Im gelebten Alltag erlebe ich stets nur Mommy wars und Vergleicheritis.

Was für mich bei der Blogfrage aber auch noch zum Tragen kommt: Ich sehe mein Blog auch als ein Vermächtnis an meine Kinder. Nie war es so einfach wie heute, den Familienalltag, die Sorgen und schönen Momente, schriftlich festzuhalten. Wir können somit ein soziales Bild nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für unsere eigenen Nachkommen abbilden. Ich habe zwar nach wie vor eine physische Erinnerungskiste, in der ich Gegenstände für LadyGaga und Copperfield aufbewahre. Aber ich denke, der richtige «Schatz» oder Fundus für sie wird das Blog sein. Irgendwann, wenn die Kinder grösser sind, werden sie hoffentlich lesen, wie es damals so war, als sie noch Kinder waren. Wenn der Kleine liest, wie die Grosse ihn stetig an seinen Händen und Füssen festgehalten hat, um ihn zu knutschen, wird er ahnen, warum er als Erwachsener vielleicht so auf Füsse steht (seufz). LadyGaga wird sich daran erinnern, dass ich mit ihr auf dem Trampolin herumgehüpft bin. Sie wird wissen, dass sie Popstar werden wollte und als Zweijährige voller Herzblut schmetterte: «Alles Zitrone aus!» (Originaltext: Alles sieht rosig aus, aus dem Barbie-Popstar-Film). Bei der Selbstfindung im Berufsleben wird es ihr helfen, dass sie schon mit drei der Welt erklärte, wo der Hammer hängt. Schwarz auf weiss festgehalten. Und wer weiss, vielleicht wird mein Sohn ja eines Tages tatsächlich ein Zauberer wie David Copperfield, weil er bereits in meinem Bauch ohne Ende Loopings drehte. Er wird dann wissen, warum er so beweglich ist.

Wenn ich nicht mehr bin, werden meine Kinder doch noch eine Quelle der Inspiration haben. Beide Kids werden lesen können, dass sie geliebt wurden, zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens. Ja, ich publiziere Informationen über meine Familie, greife vielleicht manchmal zu sehr in das Persönlichkeitsrecht meiner Kinder ein. Aber machen wir das nicht auch, wenn wir ihnen Regeln vorsetzen, nach denen sie nicht leben wollen? Wenn wir ihnen sagen: «Du darfst das nicht»? Unsere Welt ist digital, unsere Kinder digital natives. Vielleicht werden sie sich in 20 Jahren ärgern, dass wir sie regelrecht ausgeschlachtet haben in unseren Mamablogs. Aber hey, wenn wir alle glücklichere Mütter sind, wenn wir über unseren Mama-Alltag schreiben, kann es ja so falsch für unsere Kinder nicht sein.

Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

4 thoughts on “Für wen sind Mamablogs eigentlich?

  1. Schön geschrieben! Ich hoffe, genau wie du, dass meine Tochter meinen Blog irgendwann lesen und sich freuen wird. Darüber, dass ich sie so unglaublich toll finde, und klar, auch darüber, dass sie diese ganz besonderen Momentaufnahmen, an die man sich ja später nicht mehr en Detail erinnern kann, erlesen kann.

    Liebe Grüße,
    Andrea
    http://www.runzelfuesschen.blogspot.de

  2. Das hast Du toll geschrieben! Da bin ich ganz bei Dir.

    Auch ich habe meinen Blog angefangen, um Kontakt mit Gleichgesinnten zu finden, bin ich im wirklichen Leben doch auch immer vor Mommy Wars und der Vergleicherei der Kinder weggelaufen.

    Meine Kinder sind nun schon etwas größer, sie lesen hier mit und sie haben ihre Freude daran. Es ist sogar schon vorgekommen, dass wir uns im Nachhinein, wegen meiner Artikel, noch einmal über die ein oder andere Stresssituation unterhalten haben. Darüber konnten wir dann lachen oder sogar darüber reden, wie es besser laufen könnte. Außerdem haben sie vorgeschlagen, in den Sommerferien auch mal einen Artikel zu schreiben. Ich bin gespannt!
    Liebe Grüße
    Sam

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.