Die Wahrheit über das Homeoffice

Ich habe meine gute Anstellung als Chefredaktorin gekündigt, weil ich mit zwei Kindern im Haus nicht mehr nach Zürich pendeln wollte. Dieser Stress damals, morgens auf den Zug, abends zurück, LadyGaga aus der Kita abholen, Abendessen hinklatschen. Zubettgeh-Ritual, Kind endlich schlafend im Bett, Feierabend. Neuer Tag. Mit zwei Kindern wollte ich mir das nicht mehr antun.

Nun bin ich ja selbständig erwerbstätig und arbeite im hochgelobten Homeoffice. LadyGaga ist vier Vormittage in der Vorschule, zwei Nachmittage geht sie weiterhin in die Krippe. Donnerstags hat sie frei. Ich habe also zwei fixe Tage pro Woche, an denen ich «nur» Copperfield betreue. Während ich arbeite. Geht das?


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Multitasking in anders

Um 5.45 Uhr geht jeweils unser Wecker los. Ich wecke meinen Mann schmeisse meinen Mann aus dem Bett und drehe mich nochmals um. Um 6.15 Uhr stehe ich auf und mache mich fertig. Um 6.45 Uhr wecke ich LadyGaga gehe ich in LadyGagas Zimmer und sehe, dass sie bereits am Puzzeln ist (seit wann?!?!?!?). Die Zeit bis 8 Uhr ist nun geprägt von Vorschulkind fertig machen (eigentlich macht sie ja eher mich fertig mit ihrem ewigen Genöle und «hässig tue» wegen der Kleider). Irgendwann dazwischen füttere ich fluchend freundlich lächelnd Copperfield, der munter rumquietscht. LadyGaga verlässt das Haus um 8. Wenn ich Glück habe (und nur dann), schläft Copperfield von 8 bis 9 Uhr. Dumm nur, dass ich dann keine Menschenseele anrufen kann. Telefonanrufe vor 9 Uhr sind einfach nur unmöglich und verärgern das Gegenüber. Wenn ich früher jeweils um 8 Uhr im Büro war, nutzte ich die Zeit bis 9 Uhr, um in Ruhe aufzuarbeiten. Jeder Anrufer wurde massakriert. Wenn also Copperfield von 8 bis 9 schläft, schreibe ich hier im Homeoffice Mails, sortiere, organisiere, schreibe Artikel.

Jetzt ist 10.10 Uhr. Copperfield liegt rufend und quietschend neben mir auf dem Gästebett, das bei uns im Büro steht. Ich kann nicht konzentriert arbeiten. Also blogge ich. Wann ist das nächste Zeitfenster, in dem ich Kunden anrufen kann? Der Gedanke macht mich nervös. Zwischenzeitlich gehe ich immer wieder zum Baby und bespasse es. Copperfield freut sich.

Um 12 Uhr kommt LadyGaga aus der Vorschule zurück. Was soll ich zum Mittagessen kochen? Um 13.10 Uhr muss sie bereits wieder gehen, am Montag hat sie nachmittags auch Vorschule. Bis 15 Uhr. Soll ich noch schnell staubsaugen vorher? Copperfield ist ja eh wach, ich kann so nicht arbeiten. Die Wäsche im Keller ist sicher auch bald fertig. Hat auf Twitter jemand was Tolles geschrieben?

STOPP.

Mama on the rocks, Du arbeitest hier. Das ist Dein Büro. Da kannst Du nicht einfach schnell die Wäsche machen gehen. Naja, aber ich hab ja keinen Chef mehr, wer soll es mir verbieten? Und die Klos müsste ich doch eigentlich auch mal wieder…

STOPP.

Wenn Du schon nicht arbeiten kannst, dann blogge wenigstens schnell. Man muss die Zeitfenster nutzen, wie sie fallen. Copperfield quietscht immer noch. Bald hat er wieder Hunger. Oder soll ich doch lieber an meinem nächsten Artikel für die Zeitschrift schreiben?

So geht es eigentlich die ganze Zeit. Wenn der Kleine schläft, telefoniere ich in einer Hast die Kunden oder Autoren ab. Ich möchte kein quietschendes Kind als Hintergrundmusik für meine Gesprächspartner. Wenn Copperfield wach ist, schreibe ich am PC, organisiere, bespasse das Baby, wickle, mache Haushalt, plane die Zeitschriftenausgabe. Es gibt auch Phasen, wo Copperfield 2-3 Stunden am Stück schläft. Da kann ich konzentriert arbeiten. Der Rest ist Multitasking.

Und mit zwei Kids?

LadyGaga hat sich zum Glück gut in die Rolle der grossen Schwester eingefunden. Da das mit den fixen Arbeitszeiten zuhause einfach nicht klappt, arbeite ich zu jeder möglichen Tageszeit, auch am Wochenende. Ich will mein Projekt schliesslich unbedingt zum Laufen bringen! Die Grosse nimmt dann auch mal den Kleinen zu sich ins Zimmer und bespasst ihn dort, so dass ich meine Ruhe habe. Sie weiss: Wenn die Türe zum Arbeitszimmer zu ist, darf sie mich nicht stören. Das macht sie wirklich ganz toll. Wenn ich eine Pause mache, gehe ich zu LadyGaga und lese ihr eine Geschichte vor, oder wir spielen etwas zusammen. Das gefällt ihr sehr.

Die Wahrheit

Homeoffice hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. In meiner naiven Vision sah ich mich 2×4 Stunden am Tag zuhause am PC arbeiten, da Copperfield ja sooooo viel schläft. Naja, man kann sich ja mal täuschen. Die Wahrheit ist: Im Homeoffice arbeitet man dann, wenn das «Home» es gerade zulässt. Das hat mir aber im Vorfeld keiner so gesagt. Es klang einfacher, als es in Wahrheit ist. Man muss tatsächlich lernen, für sich selber Grenzen zu ziehen. Sonst könnte man den ganzen Tag nur Haushalt machen und Kinder versorgen, denn alleine das ist ja, wie wir alle wissen, schon tagesfüllend.

Ich bin eine Business Mom

Schwer sind die Momente, wenn LadyGaga mir schmollend vorhält, dass ich immer nur am PC sitze. Das tut weh. Aber vor Copperfields Geburt habe ich 80% im Büro und nicht zuhause gearbeitet, da hat sie mich gar nicht gesehen und konnte auch nicht mal eben schnell zu mir kommen. Ich arbeite, weil ich es gerne tue. Weil ich ehrgeizig bin. Weil es Spass macht und befriedigt. Momentan aber auch, weil es um die nackte Existenz geht. Ja, ich vernachlässige meine Kinder in diesen Momenten. Ich bin nicht die «So Kinder, jetzt machen wir mal spontan einen tollen Ausflug»-Mutter. Oder die Mutter, die ganze Nachmittage mit den Kids bastelnd verbringt. Ich wäre es gerne. Aber ich war und bin eine Business Mom. Ich dachte, ich setze nach der Geburt von Copperfield mal eine Weile aus, weil ich mein schlechtes Gewissen beruhigen wollte. Aber das bin nicht ich. Ich brauche offensichtlich die Mehrfachbelastung, das Multitasking. Und wenn ich etwas in 5 Jahren Muttersein gelernt habe, dann das: Das schlechte Gewissen gehört zu uns Müttern wie eine zweite Haut. Egal wie wir es drehen und wenden, wir sind nie perfekt. Weder die Vollzeit-Hausfrau zuhause noch die Business Mom im Büro. Ich versuche zurzeit, beides zu sein. Hoffentlich werden mir LadyGaga und auch Copperfield später das Homeoffice nicht vorwerfen, sondern darin die Chance sehen, die ich sehe: Nämlich dass meine Kinder so mehr von mir haben als früher und ich trotzdem meiner Leidenschaft nachgehen kann.

So, und jetzt muss ich weiter arbeiten, Copperfield ist wieder eingeschlafen.

Nachtrag: Das kam jetzt vielleicht nicht so rüber, aber ich bin sehr happy mit dem Homeoffice!

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15 thoughts on “Die Wahrheit über das Homeoffice

  1. Eine glückliche Mutter hat glückliche Kinder! Das glaube ich ganz fest!

    Und wenn Du ohne deinen Job nicht richtig ausgefüllt bist ist das mit dem Homeoffice doch eine ganz tolle Möglichkeit beidem gerecht zu werden.

    Deinem Mutter-Ich und deinem Business-Women-Ich!

    Ich finde nicht, dass du ein schlechtes Gewissen haben musst!

  2. Liebe Mama on the rocks, vielen Dank für diesen Einblick!
    Ich arbeite auch im Home-Office (zumindest teilweise, wenn ich nicht gerade vor Ort am unterrichten bin) und habe schon jetzt nach drei Wochen des berufstätigen-Mutterseins gemerkt, dass es sich leichter anhört als es ist … unter anderem, weil ich nicht zu denen gehöre, die sich nach der Geburt ihres ersten Kindes erstmal ein neues Hobby suchen muss, weil es so viel schläft.

    Ich kann total verstehen, dass du dich mit Job am wohlsten fühlst, genauso geht es mir auch 🙂

    Liebe Grüße,
    Fräulein Sonnenschein

  3. Hach ja, so ähnlich kenne ich das auch! Ich arbeite zwar nicht "komplett" im Home-Office, sondern habe als Instrumentallehrerin nachmittags auch Stunden "außer Haus", aber wenn das Kind im Kindergarten ist, geht es für mich morgens/vormittags an den PC: Unterricht vorbereiten, Songs komponieren, Lieder für die Orchester arrangieren, Noten bestellen, etc. Wenn Fiona mal eine Woche krank zu Hause ist, benötige ich als Selbstständige zwar keine Krankschrift, aber der ganz normale Alltags- und Arbeitsbetrieb geht für mich weiter, nur mit einer Einschränkung: dem kranken Kind zu Hause. ich brauche wohl nicht erwähnen, dass man da nur noch zu einem Bruchteil dessen kommt, was man sonst an den Vormittagen "abarbeitet" unter der Woche. Bin auch schon sehr gespannt, wie ich das am besten unter einen Hut kriege, wenn unser Baby dann da ist. Wird dann sicher ähnlich laufen wie bei dir. Und trotzdem sage auch ich: es ist der schönste Beruf der Welt, ich würde mit keinem Angestellten tauschen wollen! Liebe Grüße ins Schweizer Home-Office!

  4. Ich habe es mir so ähnlich vorgestellt mit Studium und Kinder. Lernen kann man ja auch wenn die Kinder daheim sind. Die Realität sieht aber ähnlich aus wie bei dir 🙂

    Meine Lern-Sessions sind mittlerweile in die Nachtstunden ausgewichen. Ich wage zu bezweifeln, dass das auf Dauer gesund ist aber Bildung bzw. Beruf und Familie sind immer ein Drahtseilakt.

  5. Respekt.. für mich wäre das nix. Einfach aus dem Grund, das ich mich zu schnell von allem möglichen Ablenken lasse oder nur hinter dem Mini-Göörl her bin 🙂

    Gut, ich habe auch keinen Job, der das ermöglichen würde, ausser ich fange an, für andere zu nähen. Und Callcenter-Job von zuhause aus.. näää 🙂

    LG Nicola

  6. Oh das mit dem Homeoffice kenne ich. Ich habe auch die Möglichkeit einmal in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Aber ich fahre dennoch ins Büro, weil ich mich dort besser konzentrieren kann bzw. nicht so schnell abgelenkt werde. Es ist, wie Du sagst: Die Wäsche muss gewaschen, der Geschirrspüler ausgeräumt und das Bad gewischt werden. Und es lächelt einen so an, wenn man zu Hause ist. Da braucht man starke Nerven, die ich anscheinend nicht besitze. 😉
    Lieben Gruß, Wiebke

  7. Es braucht schon einiges an Selbstdisziplin aber es lohnt sich definitiv.
    Next Level ist übrigens dann erreicht, wenn der Fünfjährige anfängt darüber zu diskutieren, weshalb ER nur eine halbe Stunde Bildschirmzeit haben darf, wenn doch Mama den GANZEN TAG…..

  8. Ich hab lange Zeit halbtags gearbeitet als meine Kinder noch klein waren. Das mit dem schlechten Gewissen ist dann auch nicht besser 🙂 … und auch die organisation war nicht leichter. Vormittags sind mir im Büro Sachen eingefallen, die am Nachmittag unbeindgt zu erledigen waren und am nachmittag hab ich mir auf dem Spielplatz Listen gemacht, was ich am nächsten Morgen im Büro nicht vergessen darf.
    So ist das Los der berufstätigen Mütter nun mal. Bei dieser Herausforderung lernen wir aber auch Prioritäten zu setzen und wichtiges von unwichtigem zu trennen. Diese Fähigkeiten sind auch später unheimlich nützlich.

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