Vorschule und Erziehung: Eine gute Regel ist das halbe Leben

Gestern war es soweit: Mein Mann und ich nehmen an unserem ersten Elternabend ever teil. Vorschule, wir kommen!

So schnell geht es dann aber doch nicht. An der Tür hängt das rote Schild, das anzeigt, dass man noch nicht in das Gebäude gehen darf, weil die Erzieherinnen noch irgendetwas in Ruhe vorbereiten:

Ich habe das am zweiten Vorschultag nicht gewusst und bin damals prompt hochkant rausgeworfen worden. Nun weiss ich es aber und verbreite als Revoluzzer unter den Eltern das Gerücht. «Bloss nicht reingehen, es ist rot!», raunt es durch die Reihen. Zwischendurch höre ich ein verdächtiges Glucksen neben mir. Es ist 19.30 Uhr vorbei, wir machen keinen Wank. Plötzlich Aufregung im Gebäude. Das Schild wird umgedreht, die Erzieherinnen kommen zu uns heraus. Wir kriegen zu hören: «Wir haben vergessen, das Schild umzudrehen (kicher). Sie sind aber sehr pflichtbewusst!»

Ich murmle: «Ich nenn das eher einen guten Drill». Wir gehen hinein. Man begrüsst sich. Wir gehen in den Unterrichts-/Spielraum und setzen uns auf munzige (dt. winzige) Stühlchen. Ich komme mir vor wie Schneewittchen, nur mit einem grösseren Hintern.

Da sitze ich also und sehe folgendes vor mir:

Ich schlucke. NEEEEIIIIIN!!! Keine Diashow! Bitte nicht. Die Türe schliesst sich, vor den versammelten beinahe am Boden sitzenden und kichernden Eltern sitzen sechs Frauen:


Jede Frau stellt sich und ihre Funktion im Team vor. Ich bin fasziniert. Soweit ich mich erinnere, gab es zu meiner Vorschulzeit nur eine Erzieherin, in meinem Fall war das Frau Buser. Wir hatten keine Dentaltante, keine Heilpädagogin, keinen Frau für Fremdes Deutsch. Einfach nur die Lehrerin. Man erzählt uns, wie ein Tagesablauf i
n der Vorschule funktioniert. Ich staune, wie reglementiert das alles ist. Dienstags ist die Heilpädagogin da, 6x im Jahr die Dentalfrau. Die Logopädin steht auf Abruf zur Verfügung (Termin abmachen!). Die Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache (die mit einem fürchterlichen Schweizer Dialekt hochdeutsch spricht, mir stellen sich dabei die Nackenhaare hoch) erhält zu Schulbeginn eine Liste mit den Kindern, die zweisprachig oder fremdsprachig aufwachsen. Und diese Kids erhalten dann Förderunterricht (mit 5!). Später am Abend erfahren wir noch, wie die Kinder pädagogisch fundiert spielerisch lernen. Ich bin wirklich fasziniert, wie viel Theorie hinter all dem steckt. Und sogar die Absenzen sind geregelt: Paragraph 38: man darf das Kind pro Quartal eine halben Tag unentschuldigt aus der Vorschule nehmen.


Die Diashow erweist sich unerwarteterweise als echtes Highlight. Sie zeigt die Fotos unserer Kinder. Sobald das eigene Kind auf der Leinwand erscheint, muss ein Elternteil 20 Sekunden etwas über das eigene Kind erzählen. Was mir aufgefallen ist: ALLE Eltern (auch wir) sagen, wie gerne das Kind in die Vorschule geht. Viele sagen, dass das Kind am Morgen nicht aufstehen will. Die Vorstellung sorgt allgemein für Erheiterung. Wir erkennen viele Parallelen zwischen den Kindern. Nach der Präsentation dürfen wir uns in den Räumlichkeiten umsehen, Fragen stellen, uns untereinander austauschen. Keine nervigen Elternfragen im Plenum, das ist angenehm.

Das Gespräch mit der Erzieherin
Irgendwie laufe ich just der Erzieherin in die Hände (die, die meine Cracker verpönt hat). Wir tauschen uns aus. Ich flöte nochmals, wie gerne LadyGaga in die Vorschule geht. I’m so predicable, seufz. Ich erzähle, wie gut ihr die Schule tut, dass Annika bei uns zu Besuch war und ich zum ersten Mal gehört habe, wie LadyGaga zurücksteckt, um einem anderen Kind eine Freude zu bereiten. Die Erzieherin strahlt: «Ja, das habe ich ganz bewusst mit LadyGaga angeschaut, weil es da so ein paar Momente mit Annika zusammen gab, die wir klären mussten.» Ich schlucke. Sie ergänzt, dass es schön ist zu hören, dass ihre Arbeit Früchte trägt. Kann mir daraufhin tatsächlich ein Grinsen verkneifen. Himmel, kann ich schleimscheissen. Aber sie hat ja Recht, und ich von froh, dass mein Kind bei ihr lernt, sozialer zu sein, auch wenn ich ihre Linie zum Teil etwas befremdlich finde. Wir betreiben Smalltalk. Mein Mann steht neben uns und sagt – nichts.

Als wir auf dem Nachhauseweg das Gespräch reflektieren, sagt er: «Du hast die ganze Zeit an die Cracker gedacht, stimmt‘s?» Ich lache. «Jaaaa. Das stand wie ein rosaroter Elefant im Raum, oder?!» Nun lachen wir beide.


Mein Resümee
Der Abend war angenehmer als gedacht, vielleicht auch, weil es keine Elterngespräche oder -fronten gab. Wir konnten uns zu viert austauschen mit den Eltern von Annika, was sehr witzig war. Ich bin aber erstaunt, wie durchorganisiert Erziehung/Pädagogik bereits bei 5-Jährigen gelebt wird. Ich möchte das in keinster Weise werten, und ich bin überzeugt, dass die Damen einen tollen Job machen. Aber mir fällt zum ersten Mal am eigenen Leib auf, wie sich Erziehung in den letzten 30 Jahren verändert hat. Das Leben unserer Kinder ist ab der Vorschule in Schema F strukturiert, dessen Ziel die bestmögliche Förderung unseres wichtigsten Gutes, unserer Kinder, ist. Kunststück, geht heute jeder an die Uni. Etwas anderes wird gar nicht mehr akzeptiert. Die Weichen dazu werden bereits in der Vorschule gestellt. Versagen undenkbar. Ist das nun gut oder schlecht?

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14 thoughts on “Vorschule und Erziehung: Eine gute Regel ist das halbe Leben

  1. Ich habe mich ja schon seit gestern Abend auf eine Zusammenfassung gefreut Ich habe ja gedacht, es würde zu einem "Cracker-Showdown" kommen ;-). Im Ernst: Schön, dass es deiner Tochter so gut gefällt.
    Was mich wundert, warum dieser Abend nicht vor der Einschulung gemacht wurde? Oder gibt es nur diese eine Vorschule und ihr hättet eh nicht die Möglichkeit sie irgendwo anders unterzubringen?

    Liebe Grüße,

    Miriam/ Frau Chamailion (die in 5 Monaten alle zwei Wochen zum Elternabend in der Elterninitiative antreten muss)

  2. Ich habe selber in der Vorschule gearbeitet und die Kinder haben es auch ohne Zahnfrau überstanden. Aber ich finde dass das letzte Jahr vor dem Schuleintritt wirklich sehr wichtig ist und es gut ist, wenn die Kinder die Hilfe (im Sprechen, mit der Sprache) brauchen bekommen und Schwierigkeiten schon erkannt werden können, bevor sie in der Schule auf einmal komplett mittellos herumsitzen!

  3. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir das Ganze manchmal etwas gruselig ist. Wenn ich höre, dass der Enkel unserer Nachbarn schon in der ersten Klasse mehrmals die Woche nachmittags in der Schule ist. Und dass man in der Vorschule mit 5 Jahren nicht zwischendurch mal fehlen darf. Wo bleibt denn da noch die Zeit zum unbefangen Spielen und Phantasieren? Ich hätte so gerne, dass mein Kind genau wie ich früher nachmittags einfach Kind sein darf, ohne frühen Leistungsdruck, denn der kommt schon früh genug. Und wenn man's mal genau nimmt: die Zukunft vom Erfolg oder Misserfolg in der Schulzeit bzw Vorschulzeit abhängig zu machen ist Wahnsinn. Ich hatte viel Zeit zum Spielen und bin immer gut mitgekommen in der Schule und an der Uni. Mein Mann war furchtbar in der Schule und macht nun seinen Doktor – etwas, das ihm kein Lehrer vorhergesagt hätte. Wo wäre er heute, wenn es nicht ein bisschen Flexibilität geben darf?

  4. Ich bin ganz froh, das es (noch) keine Vorschule hier D gibt.. gut, das würde uns erst in 3 Jahren blühen, aber das hört sich schon echt hart an.

    Hatte mich auch schon auf einen Cracker-Showdown gefreut 🙂 Aber mein Mann hätte bestimmt genauso reagiert wie deiner 🙂

    LG Nicola

  5. Da scheint mir ja die Grand Section ganz ähnlich hier in F wie bei Euch. Morgen ist hier auch Sprechtag und mein Mann muss hin. (16:45 Uhr ohne Kinder Hallo?!?!) das nervt mich tierisch, weil mein Mann auch wie Deiner ist und ich werde ihm jedes Detail mühsam aus der Nase ziehen müssen. Er spricht und versteht nur einfach besser französisch von uns beiden…
    Was mir ja auffällt, den Kindern gefällt es tatsächlich da, ich glaube eher wir Mütter sind erst mal erschrocken, weil wir es anders kennen. Aber wenn sie morgens nicht schon heulend im Bad stehen weil sie da auf keinen Fall hin wollen, und trotzdem auch noch Kind bleiben dürfen, ist es doch eigentlich ganz ok.
    P.S. Das mit dem Cracker finde ich jetzt schon sehr schade…. :-))

  6. Du hast das ganz wunderbar geschrieben! Ob nun gut oder schlecht – ich weiß es nicht. Einerseits ja gut, dass Kinder früh in ihren Talenten gefördert werden können, andererseits geht dabei (mit 5…) vielleicht ein bisschen viel Kindheit dafür "verloren". Wer weiß… Wird interessant, in ein paar Jahren zu hören, wie LadyGaga das selbst wahrgenommen hat, wenn sie es irgendwann reflektieren kann.
    Wollte jedenfalls nur sagen, dass ich über den rosaroten Crackerelefanten sehr sehr lachen musste ^^

  7. Liebe Séverine, ich habe diesen Abend auf Twitter quasi live miterlebt und war sehr erleichtert, dass es nicht zum Cracker Desaster kam 😉
    Bezüglich der Förderungen glaube ich, dass all das am Elternabend verstaubter, trockener und strenger klingt, als es tatsächlich ist. Im Unterricht wird bestimmt vieles spielerisch abgehandelt.
    Liebe Grüße
    Paula

  8. Hallo Miriam! Die Vorschule darf man nicht auswählen bei uns. Es wird nach Gebiet zugeteilt bzw. halt nach freien Plätzen. Das Schulsystem ist bei uns kantonal geregelt, d.h. überall im Kanton Aargau ist das gleiche Schulsystem. In Zürich z.B. kann es wieder anders sein (muss aber nicht).

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