Was meine Mutter mit mir aushalten musste

Das Leben ist unfair: Erst wenn man selber Mutter ist, weiss man, was die eigene geleistet hat.

Liebes Mami, bitte entschuldige, dass ich damals mit sieben mit meinem Bruder zusammen einmal einfach nicht nachhause gekommen bin, weil wir es so lustig zusammen auf dem Spielplatz hatten. Alle anderen Kinder gingen nachhause, nur wir zwei wussten es besser.
Ich werde nie vergessen, wie sehr Du ausgeflippt ist, als wir endlich gemütlich zuhause eintrudelten. Ich hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass Du Dir Sorgen machst. Ich lebte in einer heilen Welt, dank Dir. Du hast uns angebrüllt und ich fühlte mich so klein mit Hut. Aber ich bin nie wieder zu spät nachhause gekommen. Ich verstehe Dich heute so gut.

Danke, dass Du mir mit 18 erlaubt hast, von Partys dann nachhause zu kommen, wann ich wollte. Du warst streng – bis ich 18 wurde. Dann hast Du mir die Freiheit gelassen, die ich brauchte und die ich umso mehr zu schätzen wusste. Wenn ich nachts nachhause kam, stand Deine Schlafzimmertür immer einen spaltbreit offen, damit Du hören konntest, wenn ich da war. Ich konnte das damals nicht nachvollziehen und empfand es als Kontrolle. Heute verstehe ich Dich. So gut.

Danke auch, dass Du meine Stimmungsschwankungen als Teenie ertragen hast. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht daran erinnern, denn ich hatte eine gute Zeit. Du sagst mir aber oft, dass es ganz schlimm war mit mir. Es war keine Absicht. Sei versichert, dass LadyGaga Dich mit ihren aggressiven Stimmungsschwankungen rächt, jeden einzelnen Tag. Ich weiss jetzt, wie das ist und werde noch Jahre davon zehren können (jippieh. Nicht.).

Mit 22 bin ich zuhause ausgezogen. Du hast mich vom ersten Augenblick an liebevoll in meinem Unterfangen unterstützt. Ohne Dich hätte ich das nicht so toll geschafft! Und auch wenn wir nur wenige Kilometer Luftlinie voneinander entfernt lebten, muss es doch schwer für Dich gewesen sein, Deine Jüngste loszulassen und fliegen zu sehen. Danke für Dein Vertrauen in mich, zu jeder Zeit.

Bitte verzeih die Hölle, durch die ich Dich geschickt habe, als ich mit 23 hysterisch auf Deinem Handy anrief. Du warst gerade mit Papi bei meiner Oma in Frankreich zu Besuch, über zwei Stunden entfernt. Mein Freund hatte mich verlassen, und ich hatte Angst, eine Dummheit zu begehen. So schlimm habe ich mich noch nie zuvor und nie danach gefühlt. Es war der totale Zusammenbruch und ich ging an den Medikamentenschrank. Erst heute kann ich nachvollziehen, in welcher Panik Du mit Papi zusammen aus Frankreich im Eiltempo zurückgefahren bist, vermutlich so hysterisch vor Angst wie ich. Es dauerte über drei Stunden, bis Du bei mir warst, und Du schicktest in der Zwischenzeit eine Freundin der Familie zu mir, damit ich nichts anstellen konnte. Ich schluckte nur Baldrian (schon immer Dein Allerweltsmittel!!!), meine Ratio hatte obsiegt. Ich habe mich glaub noch nie für diese Dummheit entschuldigt. Es tut mir so Leid!

Bitte entschuldige auch, dass wir uns nicht so oft sehen. Du wohnst weit weg und wir haben Skype. Aber oft bin ich zu müde, um noch lange zu skypen, denn ich weiss, wenn wir uns sprechen, geht es nur selten unter einer Stunde. Manchmal bin ich gereizt und ich spüre den alten Teenie in mir, der seine Mutter anblafft. Das ist dann wohl diese Mutter-Tochter-Beziehung. Du kannst Dich aber darauf verlassen: Wenn etwas passiert, bist Du die erste, die das weiss. Wenn es mir schlecht geht, sagt Dein Schwiegersohn jeweils einfühlsam zu mir: «Möchtest Du Deine Mami anrufen?» Und er hat Recht damit. Ja, das will ich. Weil Du mir immer hilfst, immer da bist für mich. Mich immer zu verstehen versuchst, auch wenn Du mich nicht verstehst. Mir den Kopf zurechtrückst.

Wir sind nicht immer einer Meinung. Wir streiten. Wir sagen uns die Meinung. Wir sind immer ehrlich zueinander. Wir lieben uns abgöttisch. Das ist so schön. DANKE für Alles! Danke, dass Du in all den Jahren nie Deine Kraft als Mutter verloren hast, sondern mir immer ein gutes Beispiel darin warst, fröhlich und positiv denkend durchs Leben zu gehen.
Das nächste Mal am Telefon wirst Du mir sagen: „Du bist sicher kein Zombie, wach endlich auf und lebe!“ Du hast ja so Recht.

 

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