Ich will kein Mann sein

Auch das noch. Da macht man nichts ahnend Twitter auf und wird direkt mit einem Stöckchen beworfen. Und dann auch noch zu einem Grübel-Thema. Und dann auch noch von einer Freundin, deren Meinung und Einstellung dem Leben gegenüber ich sehr schätze, nämlich von Suse von Ich lebe! Jetzt! Sie möchte von mir wissen: «Was wäre, wenn Du ein Mann wärst?»

Ganz ehrlich: Ich hatte nie das Bedürfnis, ein Mann zu sein. Ich bin viel zu gerne Frau. Aber ich habe Geschlechterforschung studiert, ich kenne die Kulturgeschichte «der» Frauen. Hexen, Heilerinnen, Nonnen, Hofdamen, Bäuerinnen… Mädchen und Frauen egal welcher Abstammung hatten nur selten Rechte und wenn, dann nur im beschränkten Mass. Das Schweizer Frauenstimmrecht gibt es auf dem Papier seit 1971 (!), der Kanton Appenzell Innerrhoden führte als letzter Kanton der Schweiz das Frauenstimmrecht im Jahr 1990 (!!!) ein. Das muss man sich mal vorstellen!

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Ich bin 1977 geboren und in einer Welt aufgewachsen, in der Frauen alles können sollen dürfen müssen, was Männer können sollen dürfen müssen. Exemplarisch fällt mir hier der Film «Working Girl» (Die Waffen der Frauen, 1988) mit Melanie Griffith und Harrison Ford ein, in dem die Hauptfigur Tess es schafft, sich als einfache Sekretärin mit Ambitionen in der von Männern dominierten Finanzwelt New Yorks zu behaupten. Die 1980er symbolisieren hier einen Umbruch: Jeder, der etwas leistet, kann es zu etwas bringen. Egal ob Mann oder Frau. Naja, so einfach ist es natürlich nicht. Die Unterschiede sind immer noch da.

Was wäre denn also anders in meinem Leben, wenn ich ein Mann wäre?

Ich hätte vermutlich nicht Deutsch und Geschichte studiert, sondern etwas Lukratives. Medizin! Die Familienplanung wäre kein Drama gewesen, denn ich hätte nach der Geburt der Kinder genauso weiter arbeiten können wie vorher. Meine Karriere wäre nicht ins Stocken geraten. Als Mann würde ich zudem nicht immer zwischen Stuhl und Bank stehen, ich könnte voll und ganz auf meinen Job fokussieren. Als Frau und Mutter und ach auch noch Karrieremom bin ich immer irgendwie wo anders, nur nicht dort, wo ich sein sollte.

Überhaupt wäre es beruflich einfacher gelaufen. Ich habe mir aus welchen bekloppten Gründen auch immer oft patriarchalische Chefs (auch Frauen!!!) ausgesucht, die ein Problem mit starken Frauen unter ihnen haben. Im Büro musste ich erleben, dass die Meinung eines männlichen Pendants mehr Gewicht hatte als meine eigene. Für mein Standing musste ich kämpfen. Dabei habe ich aber wie eine Frau gekämpft und nicht wie ein Mann (Achtung, Klischee!). Wieso? Ich habe mich als Chefin immer für das Team eingesetzt, das Ganze im Visier gehabt. Ich habe Strippen gezogen, lobbyiert. Meine Vorgehensweise ist immer subtil, überlegt, raffiniert. Ich mache Schachzüge. Meine Kontrahenten haben mich kommentarlos niedergewalzt. Das ist keine Skrupellosigkeit, sondern einfach ein anderer Ansatz, der mir als Frau, als Séverine, komplett fremd ist.

Als starke Frau fand ich es stets schwer, angestellt zu sein. Starke Frauen werden in Firmen nicht gerne gesehen, oder wenn, dann nur bis zu einem gewissen Grad (nämlich bis zur eigenen Bürotür). Erst als Selbständige, als Chefin meiner selbst, wird meine Power vom Gegenüber respektiert, ich bin heute auf Augenhöhe und erhalte aus der Branche viel anerkennendes Feedback. Als Mann wäre mir das aber vermutlich gar nicht so wichtig. Ich würde einfach arbeiten.

Was tue ich nur deshalb, weil ich eine Frau bin?

Das Homeoffice. Es war und ist mir ein Bedürfnis, mehr bei meinen Kindern zu sein. Auch das Managen des Haushaltes scheint mir als Frau in den Genen zu liegen. Ich hasse ja Klischees, aber es ist auch bei uns zuhause tatsächlich so, dass mein Mann eine viel grössere Toleranzschwelle hat, was den Schmutz im Haus angeht. Darum beneide ich ihn. Extremst.

Was tue ich nicht / was lasse ich lieber, weil ich eine Frau bin?

Ich habe noch nie in meinem Leben eine Bohrmaschine bedient. Und vermisse das auch nicht. Überhaupt hasse ich alles Technische. Und alles, was mit Herumschleppen/Kraftaufwand zu tun hat. Da klinke ich mich immer aus.

Durch welches Klischee fühle ich mich persönlich beeinträchtigt?

Eine Frau und Mutter muss bei den Kindern sein: arbeiten ja, aber bitte nur in Teilzeit und unter 50%. Ganz schlimm in der Kombination: Eine Frau (und Mutter), die beruflich erfolgreich ist und Ambitionen hat, ist karrieregeil. Allergisch bin ich zudem auf folgenden Satz: «Tu nicht so zickig!» Das habe ich von Arbeitskollegen ein paar Mal zu hören gekriegt und bin jedes Mal danach fast Amok gelaufen.

Eine Situation, in der ich bemerkt habe, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen zu gehören:

Ich bin heute eine unabhängige, starke Frau: Ich agiere bei den Kunden mit Charme und Know-how – mit dieser Mischung bin ich sehr erfolgreich. Mit Charme meine ich nicht, dass ich flirte, sondern dass ich auf die Schwingungen des Gegenübers reagiere und eine gute Gesprächsatmosphäre schaffe. Männern ist das eher egal, denen geht es um die Sache. Mir natürlich auch, aber ich streue heimlich zusätzlich Glitzerstaub um die Kunden. Das schadet nie und ist, wie ich finde, eine Gabe. Wir Frauen sind einfach raffinierter.

Zudem: Wissen ist Macht! Als Frau weiss ich ganz genau, was in meiner Branche läuft, wer mit wem und wo es gar nicht geht. Dieses Wissen nutze ich, ich interagiere. Ich plane strategisch. Ich bin wirklich sehr sehr strategisch.

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ganz klar: Beim Windeln wechseln!

Nein, ich möchte kein Mann sein. Ich bin gerne Frau, mit allen Vor- und Nachteilen. Sicher ist es nicht einfach, gerade als Frau Karriere und Kind unter einen Hut zu bringen. Aber Ich habe mir jeden Zacken meiner Krone selbst erarbeitet!

Mich würde nun die Meinung von Katharina von Mama hat jetzt keine Zeit interessieren.

Das Blogstöckchen stammt ursprünglich vom Blog Ich mach mir die Welt und läuft unter dem Hashtag #WasAndersWäre.

 

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