Ich und die Horde Schweizer Kühe – Gastbeitrag von Flavius und Brutus

Im Juni habe ich eine Wildcard für diesen Sommerurlaubsreigen verlost. Gewonnen hat Jenni vom Blog Flavius und Brutus. Ich lese immer wieder sehr gerne bei Jenni, und das solltet ihr auch tun. Ihre Texte sind herrlich unaufgeregt und sehr authentisch. Sie macht keinen Hype um sich und ist irgendwie in keiner Bloggerblase gefangen, sie schreibt einfach mitten aus dem Leben mit ihren anderthalbjährigen Zwillingen Flavius und Brutus, die also nur drei Monate älter sind als Copperfield. So beschreibt sie zum Beispiel, wie ihr Sohn Flavius – obwohl im Winter geboren – eigentlich ein Sommerkind ist. Und für Kommentare von anderen Müttern (lieben wir die nicht alle?!) hat sie nur müde Augenringe übrig. Kürzlich hatte Jenni Besuch von ihrer früheren Gastschwester aus Südafrika. Was ihr dabei zu den Kulturunterschiedengerade auch im Familienbereich aufgefallen ist, ist extrem spannend. Heute erzählt sie hier auf dem Blog, was sie mit der Schweiz verbindet.   

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«Die Schweiz und ich, wir kennen uns eigentlich gar nicht», dachte ich erst. «Land des Käses und der Schokolade!», war mein zweiter Gedanke. Doch dann fiel es mir schlagartig wieder ein: «Die Schweiz und ich, wir kennen uns ja schon seit Ewigkeiten!» Damit ihr euch alles besser vorstellen könnt, habe ich auch ein paar Fotos für euch. Als ich meine Mutter nach den alten Bildern fragte, schwelgte sie erst einmal stundenlang in Erinnerungen und sichtete alle Fotoalben der letzten 20 Jahre. Denn vor 20 Jahren begann es, da trafen die Schweiz und ich zum ersten Mal aufeinander.

 

Es war 1995, ich war also vier Jahre alt, und meine erste Schwester war noch ein Baby. Wir waren im Familienurlaub in der Schweiz, genauer gesagt in Beatenberg. Wir mussten für den Genuss dieses Urlaubs eine Strecke von über 700 km antreten, und es ist überliefert, dass wir Kinder unsere Schwierigkeiten dabei hatten, die Snacks im Magen zu behalten.
Ich habe noch genau den kleinen rot-schwarzen Rucksack vor Augen, den ich für die Tour dabei hatte. Es ist kein Wunder, dass mir ausgerechnet der so im Gedächtnis geblieben ist, aber dazu gleich. Ich kann mich aber auch an die Berge erinnern und daran, dass wir viel wandern waren. Das bezeugen auch die Fotos, auf denen wir in ganz bezaubernder Berglandschaft picknicken, meine Schwester im Kinderwagen oder der Trage transportiert wird und ich eben diesen kleinen Rucksack trage. Im Urlaub kauft man sich ja auch schon mal ein Accessoire, am besten etwas landestypisches. Jeder aufmerksame Heidi-Fan weiß, dass das Vieh (Ziegen, Schafe, Kühe – you name it!) zu verschieden Tages- und Jahreszeiten über die Berge getrieben wird. Und die habe natürlich Glocken oder Glöckchen um (je nach Größe), damit sie nicht so leicht verloren gehen. Darum kaufte ich mir ein schickes kleines Glöckchen als Andenken. Die Glocke war silb
ern und das Band war schwarz mit einer kleinen Blumenstickerei. Wunderschön. Wenn ich an die Schweiz denke, habe ich auch dieses Glöckchen vor Augen.
So.
Nun waren wir, ich mit Rucksack und Kuhglocke, meine Eltern bestimmt schwer bepackt, ganz sommerlich gekleidet in den Bergen unterwegs. Wir machten Rast. Die Legende besagt, dass ich gerade genüsslich in meine Klappstulle beißen wollte, als da urplötzlich eine ganze beglockte, muhende Kuh-Herde kam und mich grundlos umzingelte. Was wollten die? Meine Stulle? Mit bimmelndem Rucksack flüchtete ich auf eine kleine Felsansammlung. Meine Mutter fand das unheimlich witzig, klar. Das kann ich aus heutiger Sicht durchaus nachvollziehen. Irgendwann muss die Herde wieder verschwunden sein – das weiß ich nicht mehr. Ich war auf jeden Fall überzeugt, dass die Glocke an meinem Rucksack die Herde angelockt hatte. Musste so sein, oder?
Danach war ich erst einmal durch mit der Schweiz. Die Story war natürlich der Brüller auf jedem Familienereignis. Wir sind aber noch einmal in die Schweiz gefahren, da war ich ungefähr elf Jahre alt. Ich hatte eine ganz schreckliche Frisur, bis heute kann ich nicht nachvollziehen, wieso meine Mutter mir das angetan hat. Aber alle machen Fehler, das wissen wir ja. Da müssen wir dann schon drei Geschwister gewesen sein. Ich erinnere mich kaum, aber die Wohnanlage war klasse. Da gab es einen Swimming Pool und grünes Gratis-Duschgel.
Meinen dritten Besuch in der Schweiz hatte ich schon komplett ausgeblendet, aber freundlicherweise hat Mr. Geilo mich daran erinnert. Das ist sechs Jahre her. Da waren wir zu fünft in Basel und haben lauter lustige Sprüche gesagt wie: «Pass auf, dass du deinen Rucksack nicht verbaselst!». In einer Bank wollten wir Geld wechseln, aber wir haben die Frau kaum verstanden. Wir haben auch ausgiebig geübt, «Grüezi!» wie die echten Schweizer zu sagen, aber das ist echt schwierig. Morgens frühstückten wir süße Leckereien aus der Bäckerei. Und wir waren am größten Wasserfall Europas, dem Rheinfall. Da hat Mr. Geilo, obwohl wir noch gar nicht zusammen waren, meine Tasche getragen. Sicherlich war er bereits verliebt. Er hat auch Witze darüber gemacht, dass wir nicht in den Rhein fallen dürfen (wegen Rheinfall, ihr wisst schon).
Da sind wir übrigens mit dem Zug hingefahren, was über zehn Stunden gedauert hat. Natürlich nur Regionalverkehr – wir waren ja Schüler und hatten nicht so viel Geld. Dementsprechend oft mussten wir auch umsteigen. Verrückt war, dass meine Mutter, während wir weg waren, einen Film mit Heinz Rühmann anschaute, in dem er quasi dieselbe Strecke abfuhr. Darum kamen ihr später auch alle Stellen bekannt vor und sie fand die Fotos nicht so spannend.
Gestützt wird die Beziehung der Schweiz und mir noch über unsere Freunde in Holland, Vreni und Pit. Sie vermieten uns schon seit immer eine Ferienwohnung und meine Familie fährt immer noch jedes Jahr hin. Vreni ist nämlich Schweizerin und vor vielen Jahrzenten nach Holland gezogen, der Liebe wegen. Manchmal, wenn wir im Sommer dort waren, war sie dann auch dabei, ihr Auto zu beladen, um die Reise in ihre Heimat anzutreten. Das Wiedersehen mit ihrer Familie stellte ich mir immer sehr Heidi-mäßig vor, wie sie sich auf einer Blumenwiese mit Bergen im Hintergrund entgegenlaufen.
Ihr seht, die Schweiz und ich, wir kennen uns doch ein kleines bisschen. Wir sind wie Bekannte, oder Fast-Freunde, die man lange nicht sieht, aber wenn, dann ist es immer schön und man hat hinterher etwas zu erzählen. Ich bin sicher, dass die Schweiz und ich uns noch öfters sehen werden. Da es mein bisheriges Leben lang ungefähr alle vier bis sechs Jahre passierte, ist ein Trip jetzt eigentlich wieder dran. Mal ehrlich: Für einen Besuch bei der zauberhaften Séverine würde es sich auf jeden Fall lohnen.
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