Schicksal? Inspiration? Wie ich einst Milena Moser traf

Seit meiner Schulzeit begleitet mich die bekannte Schweizer Autorin Milena Moser («Die Putzfraueninsel»). Mein Lehrer im Leistungskurs «Zeitgenössische Schweizer Literatur», in dem wir viel selber schrieben, meinte damals, ich sei die zweite Milena Moser. Das machte mich mächtig stolz. Genau so berühmt wollte ich werden! Direkt nach dem Gymnasium begann ich meinen ersten Roman – der mir von allen Verlagen um die Ohren gehauen wurde. Ich schrieb einen Gedichtband («Tiefenflüge», vergriffen, nur noch über Amazon o.ä. zu beziehen), den ich 2002 in einem Schweizer Verlag tatsächlich publizieren konnte. Ich schrieb einen weiteren Roman – der mir wiederum um die Ohren gehauen wurde. Ich publizierte stattdessen Kurzgeschichten, nahm an Schreibwettbewerben teil, gewann auch mal. Öfter aber nicht. Ich studierte Germanistik, mit dem Ziel, Schriftstellerin zu werden bzw. von der Schriftstellerei leben zu können bzw. wenigstens als Lektorin in einem Belletristikverlag zu arbeiten. Milena Moser publizierte in dieser Zeit fleissig weiter Bücher. Sie war mein Vorbild. Eine Weile lang war ich in einem Schreibzirkel mit Gleichgesinnten, wir hatten uns übers Internet und das Projekt Novemberschreiben (ein Buch schreiben in 30 Tagen) kennengelernt. Damals hatte ich ja noch Zeit für so etwas. Heute mit Kindern und Karriere völlig undenkbar für mich.

Jedenfalls: 2007 hatte ich mich mit einer Kollegin aus diesem Schreibzirkel für eine Milena-Moser-Lesung in ihrer Nähe verabredet. Ich lebte damals noch in Basel, war mittlerweile eine kleine Redaktorin in einem medizinischen Fachverlag (nix Belletristik). Im Zug zur Lesung las ich in einem fesselnden Tess-Gerritsen-Roman. Als ich nach einer Weile den Blick hob, realisierte ich schlagartig, dass mir schräg gegenüber Milena Moser sass – unterwegs zu ihrer eigenen Lesung!

Was hättet ihr getan?

Ich erstarrte zur Salzsäule. Und hatte nicht ein Brett, sondern ein Buch vor dem Kopf. Die ganze Zugfahrt lang getraute ich mich nicht mehr, den Blick zu heben und hielt mein Buch fest als Schutzschild vor dem Kopf. Ich wusste nicht, was ich Milena Moser hätte sagen sollen. «Hallo, ich bin ein Fan von Ihnen! Man sagte mir mal, ich schreibe wie Sie. Ich will so sein wie Sie!» Alles doof. Und vielleicht war sie es ja auch gar nicht, was wusste denn ich schon.

Meine Haltestelle kam. Die Frau stand vor mir im Zugkorridor. Ich konnte sie jetzt ansprechen, letzte Chance! Ich tat es nicht. Milena Moser stieg aus und entschwand meinem Blickfeld. Tief atmete ich durch, spürte meine verschwitzten Hände und mein pochendes Herz, als ich ebenfalls ausstieg. Ich suchte auf dem Perron meine Bekannte, die mich mit dem Auto abholen wollte, um von da gemeinsam zur Lesung in ihrem Kaff zu fahren.

Sie stand da, meine Kollegin. In ein angeregtes Gespräch mit Milena Moser vertieft. WTF?! Völlig von der Rolle (vermutlich sah ich aus, als hätte ich Drogen genommen) ging ich zu den zwei Frauen, begrüsste meine Kollegin und dann auch Milena Moser. Es ging ja nicht anders. Ich glaube, wir haben uns geduzt, aber das ist ja alles auch schon zehn Jahre her. Zehn! Was ich aber sicher weiss: Sie fragte mich, ob ich nicht gerade im Zug ganz angeregt ein Buch gelesen hätte. Wahhh!!!!!

Aber es geht noch weiter

Es stellte sich heraus, dass Milena Moser auf ihren Chauffeur wartete, der sie zur Lesung fahren sollte. Der kam aber nicht. Meine Kollegin hatte sie – anders als ich – als Fan auf dem Gleis einfach angesprochen, woraufhin Milena sie für ihre Fahrerin hielt. Die Kollegin (übrigens damals um die 40, so wie ich jetzt! Versteht ihr, was ich sagen will?!) meinte dann, dass Milena ja bei uns mitfahren könne.

Und das tat sie dann auch.

Ich sass hinten im Auto, die beiden Frauen vorne unterhielten sich angeregt. Warum konnte ich das nicht!

Das Schicksal hatte mir gerade eine neue Chance auf dem Silbertablett serviert. ICH! SASS! IM! AUTO! MIT! MILENA! MOSER!!! Ich wusste, dass ich es mir nie nie NIE verzeihen würde, diese Chance nicht genutzt zu haben. Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen und brachte mich ins Gespräch ein, erzählte von meinen Schreibversuchen, wie toll ich ihre Bücher fand und was ich von ihrem aktuellen Buch hielt. Milena Moser war sehr nett zu mir, aber auch sehr professionell. Gespräche mit Möchtegern-Autoren führt sie sicher am Laufband. Ich war trotzdem happy.

Die Lesung war toll, es wurde ein gelungener Abend, von dem ich viel mitnahm. Und wenn ich das so retrospektiv betrachte, war dieses Erlebnis vielleicht auch die Initialzündung für mich, für meine Wünsche und Träume einzustehen. An jenem Abend war die Inspiration, das Schicksal, für mich greifbar in der Luft wie selten zuvor und danach in meinem Leben. Chancen muss man nutzen, wenn sie da sind. Das Undenkbare will gedacht werden. Manchmal auch erst im zweiten oder dritten Anlauf.

 

 

Ich schreibe, also lebe ich

2009, vor LadyGagas Geburt, war ich über mehrere Wochen täglich Gastkolumnistin im «Blick am Abend», einer Schweizer Pendlerzeitung. Die Leser konnten mich von Tag zu Tag weiter- oder abwählen. Zwei Wochen vor LadyGagas Geburt hörte ich freiwillig und tieftraurig mit dem Traum meiner eigenen Kolumne auf. Ich wollte mich ganz meinem ungeborenen Kind widmen. Und schrieb in meiner Abschiedskolumne über diese Szene mit Milena Moser. Bekannte von ihr machten sie auf diesen Text aufmerksam und sie meldete sich daraufhin bei mir. Was sie mir schrieb? Dass ich mit dem Schreiben nicht aufhören solle.

Das tue ich nicht. Schreiben ist ein Prozess, wandelt sich mit den Jahren, verformt sich mit dem Charakter und der Historie des Schreibers, bewegt sich und mich. Ich finde auch, dass die jahrelange Bloggerei meiner Art zu schreiben gut tut. Vielleicht sollte ich mich wieder an meinen unfertigen Roman setzen, der mit Kindern so ganz und gar nichts zu tun hat. Es juckt mich in den Fingern. Was meint ihr?

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2 thoughts on “Schicksal? Inspiration? Wie ich einst Milena Moser traf

  1. Du warst das! Die ewige Kolumnistin bei Blick am Abend! Ich habe deine Texte geliebt. Liebe Grüsse von einer sonst stillen Mitleserin.

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