Gegen die Selbstoptimierung

Wie ihr wisst, ist das hier ein No-Bullshit-Blog. Ich mag kein Chichi und Sand in die Augen streuen. Pastelltöne und Bilder von einem leeren Schreibtisch? Gibt es bei mir nicht. Ich habe keine Top-Figur, die ich mit Filter noch optimieren wollen könnte. Natürlich lege ich Wert darauf, nicht wie der letzte Sandsack daherzukommen auf Bildern. Aber am Ende bin ich einfach – ICH. Weil es mir zu blöd ist, mich als etwas auszugeben, was ich nicht bin.

Der Selbstoptimierungszwang in Social Media ist mir zuwider. Überall springt mir entgegen, ich solle nicht stehen bleiben, mich bewegen, agil bleiben. Ich soll die Pandemie nutzen, um mehr Sport im Freien zu machen? Joggen? ICH?!?!?! Ich soll mich schminken, auf mich Acht geben, mich pflegen, etwas darstellen? Tammisiech, es ist eine Scheiss-Pandemie!!! Ja, ich finde es völlig ok, in Jogginghose am Computer zu sitzen und von dort aus die Geschicke des Verlags zu managen. Und noch kein Kunde hat mich am Telefon gefragt, ob ich eine Jogginghose anhätte, weil ich so beschwingt und frei spreche. Ob in Jogginghose oder Cocktailkleid: ICH BIN IMMER NOCH ICH!!

Warum muss ich mich zusammenreissen? Ich will einfach nur SEIN. Ich finde es nicht schlimm, ungeschminkt durchs Leben zu wandern. Ich kann trotzdem gepflegt sein. Es ist ok, dass ich zu dick bin. Klar, am Ende des Tages wäre ich auch gerne schlanker, schöner. Aber es gibt echt Schlimmeres im Leben, als ein paar Kilo zu viel mit sich herumzuschleppen. Lebt! Liebt! Geniesst! Wir haben nur dieses eine Leben.

«Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.» – Karl Lagerfeld

Die Pandemie hat uns die Kontrolle über unser Leben ein Stück weit genommen. Aber ICH entscheide immer noch selbst, was ich anziehe. Und wenn ich mich dazu entscheiden würde, vor mich hin zu miefen, weil ich keine Lust zum Duschen habe, ist das mein Recht in unserem freien Staat. Ich verstehe diesen Zwang der Selbstoptimierung einfach nicht. Wem muss ich denn etwas beweisen, indem ich eben keine Jogginghose anhabe? Dem toten Karl Lagerfeld???

So ist es eben… – Photo by Edwin Hooper on Unsplash

Deshalb nochmals laut und deutlich:

JA, ich sitze hier in Jogginghose, und es ist mir egal, was ihr davon haltet. Ich bin faul. Die Pandemie macht mich faul. Wir alle fahren im gleichen Tunnel ohne Licht am Ende und sind die Pandemie mit all ihren Facetten leid. Ich habe die Schnauze so voll, von Masken, Impfdebatten, Zoom-Meetings, Wischiwaschi-Politik und dieser latenten sozialen Einsamkeit in mir. Dieser Kloss im Hals soll endlich wieder weg. Ich möchte wieder so unbeschwert sein wie früher, als ich nicht wusste, dass ich unbeschwert war. Es ist alles ein riesen Scheissdreck. Und wenn ich keinen Bock auf Sport habe und alles etwas gleiten lasse, während ich ein Stück Schoggi gegen den Frust esse, bin ich einfach nur – AM LEBEN.

Und doch, warum schreibt niemand etwas darüber (ausser offenbar ich)? Überall kann ich lesen, wie man sich selbst zu Sport motiviert, endlich den Keller aufräumt, basteln kann, eine Fremdsprache lernt und und und. No shit. Ich aber sage euch: Es ist ok, eine Weile einfach NICHTS zu tun. Alles hat seine Zeit im Leben. Seid ihr selbst, ohne schlechtes Gewissen. Es ist ok, nicht perfekt zu sein.

Meine Jogginghose und ich sind beste Freunde geworden.

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3 thoughts on “Gegen die Selbstoptimierung

  1. Ich habe seit der Weihnachtswoche bis zum Ende der bayer. Osterferien Distanzunterricht gehalten – in Leggins oder Jogginghose. Wen schert es denn? Entscheidend ist doch nicht, ob wir aufgetakelt im Homeoffice arbeiten, sondern was dabei rauskommt!!!!!

  2. Der Artikel kommt ja wie gerufen!
    Finde diesen Selbstoptimierungswahn auch total verrückt und lass mich nicht anstecken.
    Was zählen Äusserlichkeiten in einer Pandemie?

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