Ich und die Pandemie

Ich war wieder mal stumm. Vermutlich bin ich im Pandemie-Rad gefangen: Arbeiten – Kinder – Schlafen – Arbeiten – Kinder – Schlafen. Diese ewige Perspektivenlosigkeit zehrt an mir, und ich hatte keine Lust, hier irgendetwas von meinem Alltag schriftlich festzuhalten. Vielleicht hatte ich auch einfach kein Bedürfnis, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.

Letzte Woche habe ich zwei Freundinnen einfach so angerufen. Ohne Grund. Normalerweise tue ich das nicht. Die Tage sind mit Beruf und Familie durchgetaktet. Alles ist optimiert. Ich habe keine Zeit, um «einfach so» anzurufen. Denn wenn man sich selten hört, werden die Gespräche automatisch lange. Wie soll ich so aber mein Tagespensum schaffen? Ich habe das Nichtstun verlernt, Corona hin oder her. Wenn ich Zeit für mich oder Beziehungspflege habe, bin ich so müde vom Tagesgeschäft, so müde von der Pandemie, dass ich nicht mehr kann. Nichts.

Als Teenager habe ich noch stundenlang das Haustelefon belegt, um mit meinen Freundinnen unsere Probleme zu wälzen. Wer hat was wann wem wie gesagt und warum? Diese Gespräche waren das Wichtigste auf der Welt für uns. Heute rufe ich niemanden mehr an. Wir leben alle in unserer Blase aus Pflichten und «To dos». Dazwischen sieht man sich oder schreibt sich. Oder man schickt Sprachnachrichten. Aber Anrufen um des Anrufens Willens – nope. Nur: Dank der Pandemie sehen wir uns ja gar nicht. Wir spüren uns nicht. Ich fühle mich einsam in mir drin, obwohl ich doch meine Familie bei mir habe. Ich bin zufrieden, wir haben es gut. Aber ich bin nicht froh.

Wir haben uns alle ganz gut arrangiert mit Corona, jeder auf seine Weise. Die Pandemie ist Alltag. Aber ich fühle mich in mir drin wie in einem Gefängnis, weil der Kopf einfach nie frei, nie sorgenfrei ist. Ich gehöre nicht mehr ganz mir selbst, bin abhängig von diesem Scheiss-Virus, von Zahlen und Zulieferungsketten. Ich vermisse es, einfach tun zu können, was ICH will. Und das Schlimme: Ich weiss, dass es noch lange so weitergehen wird.

Foto by TannerArt

Also habe ich meine Freundinnen angerufen. Nicht um über Corona zu klönen. Sondern einfach um zu zeigen: Ich bin noch da. Ich bin für dich da. WIR zusammen sind da.

Der lange Atem der Pandemie

Hätten wir im März 2020 gewusst, dass es so lange dauert – wie hätten wir wohl reagiert? Hätte hätte Fahrradkette, den Gedanken lasse ich mal so stehen…. Ich bin jedenfalls froh, wusste ich es damals nicht. Die Impfung wurde auf 2021 versprochen, das Licht am Ende des Tunnels. Nun ist die Impfung da – aber nicht für alle gleich. Es geht schleppend vorwärts, und es ist klar: Das Ding ist noch lange nicht fertig, Impfung hin oder her. Ich möchte SCHREIEN!!! Und ja, ich bin geimpft. Und möchte trotzdem schreien.

Ich habe mich um den Impftermin meiner Eltern in Frankreich gekümmert, keine einfache Sache. Frankreich ist wieder einmal im Lockdown, meine Eltern tun mir leid. In der Schweiz hingegen wurden die Massnahmen Mitte April gelockert. WTF? Wie kann das sein. Funny fact: Ich habe so viel Freiheiten und fühle mich dennoch eingeengt, ist das nicht ein Witz?! Das macht mir ein schlechtes Gewissen. Letzte Woche waren wir zu viert in Basel und konnten auf einer Restaurantterrasse draussen essen. Ich fühlte mich – demütig. Und verhalten froh. Froh! Aber eben nur verhalten, denn das Bewusstsein ist da, dass eben nichts ausgestanden ist. Überall wird über Privilegien für Geimpfte diskutiert. Wer nicht geimpft ist, schreit auf. Wer hingegen geimpft ist: schreit ebenfalls auf. Oder aber man schweigt – weil es sich anfühlt, als würde man über den Lohn diskutieren. Man tut das einfach nicht, denn Impfneid ist das Thema der Stunde. Wir schreien und schweigen uns alle an.

Schon längst habe ich aufgehört, irgendetwas planen zu wollen. Ich nehme die Dinge, wie sie kommen. Und hoffe wie ihr alle auf den Herbst, wenn das Impfchaos hoffentlich kein Thema mehr ist und alle, die geimpft werden wollten, auch wirklich geimpft sind. Aber ob 2022 dann wirklich alles vorbei ist? Ich wage es nicht mehr, auf etwas zu hoffen. Die Gedanken sind schwer. Ich nehme es, wie es kommt und habe zum Glück meine Familie ganz nahe bei mir. Dafür bin ich dankbar. Ich rufe meine Freundin an. Zusammen reden wir. Und schweigen wir. Und sind froh, dass wir uns haben.

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