Seine Seebestattung

Genau vor drei Monaten ist er gestorben. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an meinen Papi denke. Immer wieder erlebe ich Flashbacks von seinen letzten Tagen im Spital. Es gibt Tage, an denen es mir damit besser geht. Und es gibt Tage, an denen alles furchtbar ist und ich immer wieder weine. Er fehlt so unglaublich stark. Zu wissen, dass diese Lücke nie mehr gefüllt werden wird, ist ein Band, das stärker ist als der Tod. Im Gedenken an meinen Vater halte ich heute hier seine Seebestattung in Frankreich im Mittelmeer fest.

Offizielle Seebestattung in Frankreich im Mittelmeer möglich?

Mein Vater wünschte sich, nach seinem Tod verbrannt zu werden. Seine Asche sollte im Meer verstreut werden, lebte er doch am Mittelmeer. Das nennt man «dispersion des cendres en mer». Mein Bruder und ich kümmerten uns in den Tagen nach dem 18. Juli um die Formalitäten der Beerdigung. Das Bestattungsinstitut wollte vom Verstreuen der Asche im Meer aber nichts wissen. «Das tut hier keiner.» «Das will keiner.» «Keine Ahnung.» Das waren die ersten Reaktionen. Wir konnten uns das überhaupt nicht vorstellen. Wir waren hier doch am Meer! Wir insistierten, bohrten nach, und nach einigen frustrierenden Diskussionen zeichnete sich ein anderes Bild ab: Die Franzosen machen das «eben heimlich, nicht offiziell». Sie nehmen die Urne, gehen privat mit einem Schiff aufs Meer und verstreuen die Asche ihrer Liebsten. Damit kann also seitens Bestattungsinstitut kein Geld gemacht werden…

Was wir ausserdem erfuhren: Das französische Gesetz erlaubt das Verstreuen der Asche im Meer nicht – es verbietet es aber auch nicht explizit. Diese Grauzone darf genutzt werden und wird es auch. Zuständig für offizielle Seebestattungen in Frankreich sind die «Sauveteurs en mer» (S.N.S.M.), eine französische Seenotrettungsorganisation, die bei uns im Ort ebenfalls präsent war. Kostenpunkt: 255 Euro. Das wollten wir machen, denn wir wollten nicht heimlich die Asche unseres geliebten Vaters und Ehemanns verstreuen.

Seebestattung im kleinen Kreis

Der Termin für die offizielle Seebestattung wurde auf Samstag, 24. Juli um 10 Uhr festgelegt. Wegen Corona waren allerdings nur drei Personen auf dem Schiff zugelassen: meine Mama, mein Bruder und ich. Mein Mann, meine Schwägerin sowie unsere Kinder mussten leider auf dem Festland bleiben.

Mein Bruder, meine Mama und ich betreten das Boot der Sauveteurs en mer.
Letzte Reise

Mit dem Schiff fuhren wir hinaus aufs offene Meer. Die Mitarbeiter der S.N.S.M. gingen sehr einfühlsam mit uns um. Wir fühlten uns geschätzt und getragen von diesen uns eigentlich fremden Menschen. Die Sonne schien, die Luft war salzig. In der Urne mein Vater.

Einige Kilometer vor der Küste hielt das Boot an. Mein Bruder wurde mit einem Karabiner am Boot gesichert und verteilte dann auf Meereshöhe sitzend eine Hälfte der Asche im Meer. Danach wurde ich gesichert und verteilte die zweite Hälfte im Meer. «Fischfutter!», hätte Papi trocken gesagt. Ich dachte es an seiner statt und musste lachen. Das Lachen erstickte in meinem Hals. Papi.

Drei Rosen als letzter Gruss

Wir hatten die Köpfe von drei blutroten Rosen mitgebracht. Jeder von uns legte stumm eine Rose ins Wasser. Dann drehte das Boot drei Runden um die Stelle, an der wir die Asche verteilt hatten, wo die Rosen nun schaukelnd ihren Weg suchten. Immer wieder ertönte das Bootshorn. EHRE ist das Wort, das mir beim Schreiben dieser Zeilen wieder im Kopf herumspukt. Es war ein Zeichen der Ehre. Es war ein erhabener Moment. Um uns der Himmel, das Wasser, die Sonne, das Licht. Freiheit und Weite. Mein Vater war endlich befreit vom Schmerz der letzten vier Jahre seiner Krebserkrankung. Freiheit. Licht. Sonne. Leben.

Frieden.

Letzter Gruss der Familie

Wir fuhren zurück an den Hafen, wo unsere Familien auf uns warteten. Sie hatten in der Zwischenzeit Papierschiffchen, beschrieben mit persönlichen Abschiedsworten, aufs Meer zu meinem Vater geschickt. «Eigentlich witzig. Er konnte doch gar nicht schwimmen, Mami. Nun ist er ausgerechnet im Meer beerdigt.»

So ist es. Er war und ist immer witzig. Auch als Fischfutter.

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