Selbstbestimmt: der Weg zurück zu mir selbst

Alles ist im Umbruch. Klar, das ist es stetig, nichts bleibt gleich. Aber ich stehe an einem neuen Punkt in meinem Leben, an dem der Wandel körperlich spürbar ist. Was geschehen ist? Zum einen habe ich wieder Hobbys. Zum anderen sage ich nach acht Jahren «Bye bye Homeoffice!» und beziehe ein Büro in Aarau. Und es fühlt sich ein wenig an, als wäre ich wieder die «alte», kinderlose, junge Séverine. Nur halt eben in besser. Ich bin wieder mehr selbstbestimmt.

Mama sein 24/7

Ich bin seit zwölf Jahren Mutter, und ich liebe es. Aber ich hasse es auch. Seit zwölf Jahren bin ich nicht mehr der Mittelpunkt meines eigenen Lebens. Alles dreht sich um Familie, um die Kinder. Ja, ich bin beruflich erfolgreich und stark involviert, so dass ich zuhause vermutlich eher der «Laisser-faire-Typ» bin. Eines meiner Credos: Solange keines der Kinder blutet, ist alles okay. Aber konkret ist Mama-sein auch für mich natürlich viel mehr, als nur dafür zu sorgen, dass die Kinder leben – ich bin immer an vorderster Front. Dass es mich dabei zwischen Job und Familie täglich zerreisst und ich selbst auf der Strecke bleibe, kümmert da wenig. Wenn ich nicht arbeite, bin ich mit den Kindern. Dazwischen bleibt eben wenig Raum für anderes. Die Brut braucht mich.

Aber auch ich brauche mich. Zwei Jahre Corona haben uns alle geschlaucht und an unsere Grenzen der Belastbarkeit gebracht. Corona hat mich in die Selbstisolation getrieben, ich konnte mich noch mehr in die Arbeit stürzen und bei den Kindern sein. Das war okay, alles andere war ja aber auch keine Option. Die Pandemie ist nicht vorbei, aber nach zwei Jahren ist da auch der Gedanke: «COVID-19 geht eh nicht weg, also mache ich das Beste draus. Wir vier sind geimpft und ICH. WILL. LEBEN!» Das Phlegma, das Gefühl der Ohnmacht dem Weltgeschehen gegenüber will ich in mir nicht. Der Ukraine-Krieg belastet auch mich. Wir wissen alle nicht, was passieren wird und wie sehr es unser tägliches Leben beeinflussen wird. Krieg in der Schweiz? Wenn Corona uns etwas gelehrt hat, dann: Alles Grauen ist nicht nur denkbar, sondern schneller Realität als man für möglich hält.

Doch ich schweife ab.

In Bewegung bleiben? In Fahrt kommen!

Die Kinder werden grösser. Und ich erobere mir meinen Raum zurück. Mit dem Ende der Coronamassnahmen in der Schweiz reifte in mir Ende Januar der Gedanke: «Du musst Dich bewegen, raus aus Deiner Komfortzone! Ich will selbstbestimmt sein über meine Zeit! Nur vor dem TV auf der Couch zu liegen, kann es ja wohl nicht gewesen sein.» Ich überlegte mir also, was mir Spass machen würde, um den inneren Schweinehund auch nachhaltig zu überwinden. Seit vier Wochen bin ich nun im Badminton-Club unseres Wohnortes – und ich liebe es!!! Zwei Stunden schweisstreibender Sport. Jedes Mal lerne ich etwas über Technik. Ich freue mich nun auf jeden Montag. Und das Beste: Es beginnt jeweils um 20.15 Uhr, also nachdem die Kinder im Bett sind, und die Turnhalle ist bei uns in der Strasse. Mein Mann bleibt dann zuhause, aber die Kinder haben nichts zu vermissen an mir.

Doch das ist nicht alles. Donnerstags gehe ich nun ins Zumba. Das interessiert mich schon länger, aber das hohe Level der bestehenden Kurse hat mich bisher immer abgeschreckt. Ich habe nun an der Migros Clubschule [unbezahlte Werbung] einen Anfängerkurs mit einer coolen Instruktorin gefunden, die mir passt und mich nicht vergrault. Von Couch-Potato zu zweimal Powersport pro Woche innert eines Monats: Ich bin happy und schon auch ein bisschen stolz auf mich.

Nebst dem sportlichen Aspekt des Wellbeings gibt es da aber noch einen ganz anderen Punkt: Ich habe mir zum ersten Mal seit zwölf Jahren einfach die Freiheit genommen, über meine abendliche Freizeit zu entscheiden. Das muss einen Impact haben, denn es kam jetzt auch schon ein paar Mal vor, dass ich zuhause nicht arbeitete, sondern einfach auf der Couch sass und las. Eines der Kinder kam dazu und wollte meine Aufmerksamkeit. Und ich sagte: «Ja, ich weiss, ich arbeite grad nicht, aber das bedeutet nicht, dass ich jetzt Zeit für Dich habe. Ich habe jetzt eine halbe Stunde Zeit für mich selbst. Nachher komme ich gerne zu Dir.» Vielleicht klingt das in euren Ohren selbstverständlich. Aber für jemanden wie mich, die sich täglich zwischen Arbeit und Kindern aufreibt, ist das schon eine Leistung. Und ich denke, sie hängt mit den neuen Hobbys zusammen. Und mit dem Büro.

Selbstbestimmt auch räumlich

Seit über zwei Jahren suche ich ein Büro. Corona hat mir ja einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber ich habe trotzdem immer weiter geschaut. Und nun hat es endlich geklappt: Bereits am 1. April beziehe ich mein erstes eigenes Büro in Aarau. Diese räumliche Distanz zur Familie habe ich mir schon lange gewünscht. Aber sie macht mir auch unglaublich Angst. LadyGaga spielt bereits mit meinen Ängsten und hält den Finger mittenrein in die Wunde. «Du bist froh, dann weg von uns zu sein» (hier vorwurfsvollen Blick einfügen). Ganz unrecht hat sie nicht. Zu arbeiten, wenn die Kinder um einen rumwuseln, ist ein Höllentrip, Konzentration unmöglich. Andererseits möchte ich dann durch die räumliche Trennung auch wirklich DAHEIM sein, wenn ich daheim bin.

Selbstbestimmt als arbeitende Mutter: Das geht nur durch Abgrenzung.

Ich habe Angst, meine Familie zu vermissen, etwas zu verpassen. Ich war die letzten acht Jahre immer physisch da, wenn etwas war. Das wird nun anders. Das macht Angst. Mir – und den Kindern. Aber sie werden grösser und unabhängiger. Und ich spüre so stark den Drang in mir, RAUS ZU GEHEN, meinen Alltag selbstbestimmt zu leben.

Dazu spielen ja auch ganz praktische Aspekte hinein. LadyGaga ist aktuell noch in der 6. Primarklasse und kommt im August an die Bezirksschule in Aarau, das ist die Mittelstufe in Vorbereitung auf das Gymnasium. Da ich nun ein Büro habe, kann sie – solange sie das dann will – über Mittag zu mir ins Büro kommen. So hat sie gerade in der harten Anfangszeit an der neuen Schule einen Hafen vor Ort. Copperfield hingegen geht noch in die Primarschule. Mein Mann ist aktuell im Homeoffice. Wie wir die Logistik lösen, wenn er wieder pendelt, schaue wir dann an, wenn es soweit ist. Mit dem Auto habe ich von meinem Büro (hachz!) zehn Minuten nachhause, so dass ich über Mittag auch kochen kann, sollte es nötig sein. So oder so: Mein Umzug ins Büro wird ein Umbruch für die ganze Familie sein. Aber wir packen das!

Ich lebe, ich atme, ich handle. Endlich wieder etwas mehr selbstbestimmt. Hoffen wir, dass dies noch lange möglich sein wird.

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