Wenn die Nuggi-Fee kommt

LadyGaga liebt ihre Nuggis. Im Spital nach der Geburt war er von den Hebammen verpönt, und als eingeschüchterte New-Mom getraute ich mich nicht, ihr einen zu geben. Doch zuhause angelangt, meinte meine Mutter: „Nun stell Dich nicht so an, das Kind darf doch einen Nuggi haben, da ist doch nichts dabei. Glaub mir, Du wirst noch froh darum sein.“ Also steckte ich LadyGaga zaghaft ihren ersten Schnuller zwischen die Lippen. Der Beginn einer grossen Leidenschaft.

Ohne Nuggi durften wir nie aus dem Haus gehen, sonst gab es eine Szene, die sich gewaschen hatte. Und ich hasse plärrende Kleinkinder in der Stadt. Der Nuggi gehörte in die Mami-Tasche wie das Portemonnaie und der Hausschlüssel. Und eine Getränkeflasche für LadyGaga. Und Feuchttücher zum Händeputzen. Und Kekse. Wenn sich LadyGaga verletzte, schrie sie sogleich nach ihrem Nuggi und war binnen Sekunden getröstet, wenn sie nuckeln konnte. Wenn sie müde war, half ihr der Nuggi beim Einschlafen. Und sowieso kriegt man ein schreiendes Kind wunderbar in den Stand-by-Modus mit einem Nuggi im Mund. Aber dies sind Tempi passati. LadyGaga ist nämlich ent-nuggiet.

Seit Wochen hatten wir sie auf den grossen Tag vorbereitet, mit ihr besprochen, dass die Nuggi-Fee ihre Nuggis dringend für die kleinen Babys benötigt, die noch keinen Nuggi haben. Wir bastelten gemeinsam eine tolle Kiste für die Nuggis, die wir dann der Nuggi-Fee übergeben wollten. Nach dem ersten Nuggi, den sie noch nonchalant in die Kiste gelegt hatte, weigerte sie sich, auch die weiteren abzugeben. „Nein! Ich habe doch schon einen abgegeben!“, blickte sie mich empört an. Nach mehrfachem guten Zureden verschwand dann doch einer nach dem anderen in der Kiste – von LadyGaga höchstpersönlich in einem komplizierten Auswahlverfahren selektioniert und für gut befunden.

Eine Tages erklärte sie mir dann altklug beim Mittagessen: „Du Mami, wenn ich dann wieder ein Baby bin, darf ich auch wieder einen Nuggi haben.“ Ich konnte ein Glucksen nur schwer unterdrücken und erklärte ihr, dass sie aber kein Baby mehr sei, sondern jetzt eine Grosse.

Und so vergingen die Tage, und der Besuch der Nuggi-Fee in der Krippe rückte immer näher. Ein grosser Tag mit viel Aufregung. Ohne Wenn und Aber gab sie den letzten Nuggi in die Kiste ab. Die Nuggi-Fee hatte ihr dafür Seifenblasen als Geschenk dagelassen. Stolz erzählte sie mir abends davon. Und als endlich Nina-Zeit war, legte sie sich ohne grosse Diskussionen hin und war nach zehn Minuten eingeschlafen. Ich war stolz auf unsere Kleine.

Um Mitternacht dann aber die Kehrtwende: Sie heulte einem Schlossgespenst gleich, vergoss bittere Tränen, weil sie ihre Nuggis zurück wollte. Sie heulte und schluchzte, so dass es mir wehtat. Wir hatten unser Kind einem kalten Entzug ausgesetzt. Aber da mussten wir jetzt durch, schliesslich ist sie bald drei und ihre Schaufeln sind schon verdächtig weit vorne im Gebiss. Ich tröstete sie, knuddelte und streichelte sie, aber sie heulte bittere, unglückliche Tränen für über eine Stunde. Dann schlief sie erschöpft wieder ein, während ich wach neben ihr liegen blieb.

In der nächsten Nacht das gleiche Drama. Sie weinte, wie ich sie noch nie weinen gehört hatte. Wir stellten uns auf eine strenge Woche ein, doch nach drei Nächten läuft es jetzt schon viel besser – und tagsüber ist der Nuggi gar kein Problem mehr.
Gestern gingen wir in die Migros einkaufen und wollten an der Familienkasse bezahlen. Direkt davor ist die Baby-Abteilung, wo wir in der Schlange standen. Auf LadyGagas Augenhöhe: Nuggis. Sie schaute mich fragend an und sagte dann vorwurfsvoll: „Und warum haben die Babys denn nicht diese Nuggis bekommen?“ Ich reagierte wie jede Mutter, deren Logikfehler aufgedeckt worden war: Ich ignorierte die Frage. Es war ja auch wirklich laut in der Migros.   

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