Langzeitfolgen von frühzeitigem Milchzahnverlust: So war es bei uns

Vor kurzem schrieb mir eine aufgewühlte Leserin, deren Sohn am Tag zuvor einige Schneidezähne verloren hatte. Sie musste ständig weinen deswegen und fragte mich, wie es mit Copperfield nach seinem Zahnverlust mit knapp 3 Jahren weitergegangen war. Erst so merkte ich, dass ich das als Hilfestellung für euch in der Folge gar nie verbloggt habe.

Von Pontius zu Pilatus

Ich war mit Copperfield nach dem Unfall bei drei Zahnärzten, habe gekämpft wie eine Löwin für ihn – aber alle haben mir das gleiche gesagt: Man kann nichts machen. Wenn man eine Prothese/Schiene was auch immer legen bzw. anfertigen würde, müsste man das alle paar Wochen wieder anpassen, da das Gebiss im Kindesalter stetig wächst. «Kein Kind macht das mit», sagte man mir. Und es kostet auch viel. Wir haben also der Natur ihren Lauf gelassen und uns dem Schicksal fügt.

Ich habe wirklich viel geweint in dieser Zeit. Besonders hart war es, wenn mein Sohn sich im Spiegel ansah und traurig meinte, wo denn seine Zähne seien. Das war in den ersten Monaten regelmässig der Fall. Aber ich schluckte meine Tränen vor Copperfield runter und motivierte ihn damit, dass die Zähne irgendwann nachwachsen würden, wenn er grösser ist.

Wie kann man essen ohne Frontzähne?

Ich war so traurig für meinen Sohn, dass er nicht mehr in einen saftigen Apfel beissen konnte – etwas, das er wenige Zeit vorher gerade erst für sich entdeckt hatte. In den ersten Wochen «danach» gingen nur Apfelschnitze ohne Schale. Auch sonst kaute er vieles nur mit den Backenzähnen. Aber: Das ging vorbei! Mittlerweile isst er auch ohne Schneidezähne ALLES – auch einen ganzen Apfel.

Übrigens hat Copperfield zwei Tage nach dem Unfall den Schnuller abgegeben, weil das Nuckelerlebnis halt nicht mehr das gleiche war. Auch ein toller Nebeneffekt….

Reaktionen der Erwachsenen

Was mich wütend gemacht hat: JEDER Erwachsene fühlte sich dazu berufen, meinem Sohn gönnerisch zu sagen: «Oh, da hattest Du aber einen Unfall, gell?! Du bist ja viel zu klein, um schon die Milchzähne zu verlieren.» Als wäre es nicht schlimm genug. Da fühlt man sich machtlos als Mutter, und ich bin oftmals dazwischengegrätscht, weil Copperfield verständlicherweise nicht wusste, was er antworten sollte. Oft war er verlegen. Ich finde diese unreflektierten Bemerkungen übergriffig. Oh, sind Sie schwanger oder haben Sie nur zugenommen?! Geht gar nicht. Bitte bitte bitte liebe Leute, beisst euch doch auf die Zunge und seid etwas sensibler auch kleinen Kindern gegenüber. Und auch ich als Mutter fühlte mich nicht verstanden in meine Trauer um den Zahnverlust. «Sei froh, sind es nicht seine bleibenden Zähne gewesen.» Ja schon klar, aber WTF?!

Echte Wackelzähne

Mittlerweile hat Copperfield seinen ersten echten Wackelzahn. Anders als bei LadyGaga sehe ich jetzt aber, dass er nicht stolz darauf ist. Er will partout nicht am Zahn wackeln – wohl aus Angst, ihn zu verlieren. Da steckt noch etwas psychologische Arbeit für uns Eltern drin, um ihm klar zu machen, dass es gut ist, dass dieser Zahn jetzt rausfällt, dass es quasi ein «gutes» Rausfallen ist. Auch, weil es ein Indikator dafür ist, dass bald die seit über zwei Jahren fehlenden Schneidezähne nachwachsen werden. Wie das wohl für uns alle sein wird? Ich habe mich an sein spitzbübisches Lächeln gewöhnt, DAS ist einfach Copperfield.

Beeinträchtigungen in der sprachlichen Entwicklung?

Sprachtechnisch war Copperfield ja etwas verzögert («Late Talker»), deshalb hat mich der Zahnunfall auch diesbezüglich sehr beunruhigt. Tatsächlich hat es ihm das Sprechen lernen erschwert und ihn wohl etwas behindert – er nuschelte stark. Für mich war dies das Schlimmste überhaupt. Ich beantragte beim Kinderarzt eine Frühlogopädische Abklärung. Die Abklärung ergab: Er war noch etwas sprachverzögert, aber es gab nichts, was er nicht aufholen könnte bis zum Kindergartenstart (Schweizer Vorschule). Man liess mir die Wahl, ob er weiterhin in die Logopädie gehen sollte oder nicht.

Und da konnte ich zum ersten Mal loslassen vom ganzen Druck, der auf mir lastete wegen dieses dummen, dummen Zahnunfalls. Ich sagte NEIN und vertraute darauf, dass er wirklich bis zum Schulstart mit der Sprache aufholen würde.

Copperfield geht jetzt seit einem halben Jahr in den Chindsgi. Vor kurzem hatte ich das erste Quali-Gespräch mit der Lehrerin. Ich hatte ganz schon Bammel davor, wie sie ihn einschätzte. Was sie mir sagte: Mein Sohn hat ein herausragendes Sprachgefühl und kann sich im Vergleich zu den anderen Kindern wahnsinnig gut artikulieren!

Nicht verzagen

Was ich damit sagen will: Es ist noch nichts verloren, alles ist möglich, wenn das eigene Kind Milchzähne durch einen Unfall frühzeitig verloren hat. Und je älter das betroffene Kind wird, desto mehr «Leidensgenossen» gibt es in der Tat. In der Schwangerschaft sieht man bekanntlich alles Mitschwangere. Mit einem Kind ohne Schneidezähne sieht man – ganz viele andere Kinder ohne Frontzähne. Auch Zahnarzttermine müssen nach einem Zahnunfall kein Horror sein. Copperfield macht das like a king.

Irgendwann demnächst werden Copperfields bleibende Schneidezähne endlich kommen. Ich schaue jede Woche nach, ob ich da schon ein Spitzchen sehe… das Thema begleitet uns also immer noch. Aber die Tränen sind versiegt. Alles ist gut.

Nachtrag: Im Oktober 2020 brachen die bleibenden Zähne durch.

Ich freue mich, wenn Du den Beitrag teilst:

12 thoughts on “Langzeitfolgen von frühzeitigem Milchzahnverlust: So war es bei uns

  1. Habe auch ähnliche Erfahrungen gemacht mit unserem Sohn. Hat mit knapp 4 Jahren 1 Schneide- und 1 Eckzahn oben bei einem Fahrradunfall verloren. Nebst dem es wohl äusserst schmertzhaft war, muss auch er warten, bis die neuen Zähne nachkommen. Auf den 1 Wackelzahn warten wir noch, ich weiss aber nun, was uns erwarten kann! Danke, dass du diese Geschichte mit uns teilst, mir persönlich hat dies sehr geholfen. Liebe Grüsse Regula

  2. Vielen lieben Dank für deine Geschichte. Sie macht mir gerade etwas Mut und trocknet meine Tränen.

    Unserem Dreijährigen mussten gestern die oberen vier Schneidezähne entfernt werden, Karies, vermutlich durch Entkalkung der Zähne hervorgerufen. Ich fühle mich so hilflos. Der Kleine hat in seinem ersten klaren Moment nach der Narkose gesagt: Ich habe keine Zähne mehr. Und er war so unglücklich. Und das wiederholt er jetzt immer wieder. „Zähne wieder rein machen, wir müssen neue kaufen.“ Ich bin nur noch am heulen. Ich habe große Angst, dass die nächsten Zähne dadurch krumm und schief werden, und natürlich besteht immer noch die Gefahr das mehr Zähne betroffen sind und nicht erhalten werden können. Das macht mich so fertig. Ich hoffe bei uns läuft es ähnlich glimpflich ab wie bei euch. Nochmals vielen Dank für eure Geschichte!

    1. Das tut mir so sehr leid für dich und deinen Sohn, ich hoffe, der erste Schock konnte verarbeitet werden :-((. Das Gute ist: Die Zähne wachsen nach. Ich drücke euch ganz fest!

    2. Das tut mir so unendlich leid. Mein kleiner 3 jähriger hat letzte Woche einen Schneidezahn verloren. Nächste Woche muss die wurzel unter vollnarkose entfernt werden da sie leider noch steckt. Er will auch gar nicht mehr sich selber im Spiegel anlächeln. Er hatte so ein schönes lächeln ich bin auch nur am weinen

      1. Oh, jetzt ist mein Kommentar als Antwort auf deinen Post hier gelandet. Das war so nicht gewollt, sollte eigentlich ein eigener Kommentar werden. Sorry

    3. Hallo,
      auch von mir ein liebes Dankeschön für’s Teilen eurer Geschichte. Vorweg hoff ich natürlich, es geht deiner Familie in Bezug auf Corona gesundheitlich gut!
      Meine Tochter ist mit 22 Monaten auf eine Metallstange gestürzt (ein Fahrrafstänger an Boden, in den das Vorderrad gestellt wird), hat sich dabei die mittleren oberen Schneidezähne fast vollständig zurück in den Kiefer gerammt und sie etwas abgebrochen. Was habe ich geheult… (OT: Wusste erst ein paar Tage später von der Schwangerschaft mit ihrem Brüderchen – aber auch ohne den Hormoncocktail bin ich wohl ziemlich sentimental…).

      Zum Glück sind sie wieder neu „durchgebrochen“ und wer es nicht weiß, dem fällt es eigentlich nicht auf. Leider sind die Zähne aber abgestorben, weil die Wurzeln zu stark verletzt wurden. Sie bekommen langsam einen immer stärker werdenden Graustich und einer der beiden wackelt. Natürlich sind wir seit dem Sturz regelmäßig beim Kinderzahnarzt; Vor allem auch wegen der immer wiederkehrenden Fisteln (Zum Glück haben wir uns eine zweite Meinung in der Kinderzahnheilklinik beim Prof. persönlich eingeholt, sonst wären ihre Zähne schon längst gezogen worden. Er sagte, solang es nicht akut ist mit sog. „Dicker Backe“ etc. kann es erst mal so bleiben).

      Heute (15 Monate später) sind die Zähne jedenfalls noch immer drin, aber lang wird das wohl nicht mehr so bleiben, wie mir der Prof. unmissverständlich klarmachte.
      Nächste Woche haben wir den nächsten Kontrolltermin. Ich bin unheimlich aufgeregt und bekomme Bauchschmerzen, wenn ich daran denke.

      Unsere größte Sorge ist, dass die bleibenden Zähne dauerhafte Schäden davongetragen haben. Eine Antwort darauf bekommen auch wir natürlich erst, wenn sie dann irgendwann durchbrechen. Bis dahin heißt es: abwarten und hoffnungsvoll bleiben!

      Allerdings quält mich auch der Gedanke daran, ihr sagen zu müssen, dass die Zähne rausmüssen. Das sag ich ihr natürlich erst, wenn es wirklich soweit ist und ein Termin feststeht. Sie tut mir jetzt schon so leid!

      Sind denn mittlerweile die Bleibenden eures Sohnes da? Falls ja, wie sehen sie aus? Ich freue mich über ein Update! 🙂

      Viele liebe Grüße in der ohnehin schon schwierigen Zeit!

  3. Liebe Séverine, kannst du dich noch an unsere Emails erinnern? Ich hatte dich vor wenigen Wochen angeschrieben. Inzwischen fehlen Silas die vorderen oberen Schneidezähne. Es hat sich, bis auf die große Lücke, nichts verändert. Vor allen Dingen sprachlich! Er spricht besser und deutlicher als seine Zwillingsschwester, die wohlbemerkt alle Zähne hat. Selbst unseren Familiennamen, wo selbst Erwachsene oft in der Aussprache Probleme haben, spricht er gekonnt aus. Tja…und satt wird mein Junge auch. Dieses Feedback wollte ich für dich und deine Leser da lassen. lg. Nadja

  4. Hallo 🤗

    Mir liefen oft die Tränen beim lesen. Ich habe mit dem ersten Artikel dirket nach dem Zahnverlust gestartet.
    Ich selbst weiss, dass meinem Sohn die zwei Schneidezähne gezogen werden müssen . Er hatte einen Unfall und leider sind die Zähne nicht mehr fest geworden und wurden jetzt grau. Um die Nachkommen den Zähne zu schützen müssen wir sie nun ziehen lassen da er bald 3 wird.
    Ich habe eine RIESIGE Angst 🥺
    Wie geht es ihm damit?
    Hat er Nachteile dadurch ?
    Wird er im Kindergarten geärgert?
    Wird er Schmerzen haben ?
    Etc

    Würde mich tierisch freuen wenn du dich vielleicht zurück meldest und mir meine Angst nehmen kannst.
    Grüsse Isi

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