Zombies wie wir

Es gibt diese Tage, da funktioniert man nur als Zombie. Seit dem Zwischenfall mit LadyGaga am Freitag, sind meine Nerven extrem angerissen. Wir haben das Wochenende zuhause verbracht, LadyGaga war fröhlich, sie sang laut, wirbelte herum, animierte ihren Bruder. Ich ertrug die Aufregung und den Lärm nur schlecht und war sagen wir mal eher freundlich-aggressiv einzustufen. Copperfield hingegen verbrachte das Wochenende damit

 
  1. Mich oder meinen Mann anzukotzen
  2. Zu schreien
  3. Zu nörgeln
  4. (sehr selten) zu schlafen

LadyGaga schlief von Samstag auf Sonntag mit in unserem Ehebett. Naja, eigentlich nicht IM Bett, sondern AUF MIR. 20 Kilo Kampfgewicht. Schönen Gruss an den Rücken.
 
Gestern Sonntag war ich also den ganzen Tag wie verkatert (schön wär‘s). Meine Nerven fühlten sich an wie bei diesem kreischenden Ton von Kreide auf einer Tafel. ICH. HALTE. DAS. NICHT. MEHR. AUS.
 
Dieser Wunsch, einfach einmal alleine zu sein. Und damit meine ich nicht, die Kinder mal bei den Grosseltern abzugeben. Denn wenn die Kids ausser Haus sind, sind sie ja trotzdem immer bei uns: «Schatz, hast Du gesehen, dass Copperfield jetzt den Vierfüssler kann? Der krabbelt bald.» «Ja, es ist mir aufgefallen. Und LadyGaga malt schon viel besser, findest Du nicht auch?» So kann man sich als Eltern stundenlang über seine Kinder unterhalten. Kennt ihr alle. Aber ich meine diesen fiesen Gedanken, den ich manchmal habe: Ich will nicht mehr. Einfach mal wieder spontan wegfahren, nach Paris. Sich frei fühlen bis in die Zehenspitzen. Einfach sein. Aber das wird es nicht geben, denn ich liebe ja meine Kinder. Aber die Sehnsucht nach einem Leben jenseits des Zombietums überfällt mich manchmal. Und dann bin ich gefrustet und unglücklich.
 
Stattdessen bin ich der wandelnde Zombie
Ich kämpfe mich durch den Morgen durch und kann es sonntags kaum erwarten, bis LadyGaga fertig gegessen hat. Ich posaune dann freudestrahlend: «Mittagsruhe!» Meine Tochter zwitschert ab in ihr Zimmer (wo sie heute Montag in ohrenbetäubender Lautstärke Weihnachtslieder gehört hat…) und ich kann endlich endlich schlafen. Stopp. Copperfield ist ja wach. Also Baby bespassen. Windeln wechseln. Wieder mal ankotzen lassen. Mit zusammengepressten Zähnen die Kotze von irgendeinem Teil meiner Kleider wischen. ICH WILL DAS NICHT.
Nachts werde ich von Copperfield mehrfach geweckt, der so unruhig schläft, dass er meist im 180-Grad-Winkel daliegt. Oder eingekeilt zwischen den Gitterstäben. Oder er meckert einfach so, weil er zahnt. Es kann auch sein, dass ich wie heute aus dem Bett getrieben werde, weil wieder eine LadyGaga AUF MIR drauf liegt. Meine Knochen, meine Muskeln tun weh. Ich gehe um halb fünf Uhr die Treppe runter – das Licht in LadyGagas Zimmer ist an. Auf dem Boden verteilt zig Blätter, die sie angemalt hat. WTF?!?!? Sie muss mindestens eine Stunde gemalt haben, irgendwann zwischen 1 Uhr (mein Mann ging ins Bett) und halb fünf. Fühle mich wie 80. Alles tut weh, ich bin so verspannt.
 
Die wichtigste Etappe des Tages ist 19.30 Uhr, wenn wir die Kinder ins Bett bringen. Beide problemlos (immerhin!). Bevor meine Tochter in die Vorschule ging, musste sie jeweils erst um 20 Uhr ins Bett. Seit letzter Woche haben wir 19.30 Uhr als Deadline (man merke die Konnotation zu Zombie…) eingeführt. Gestern Abend um 20 Uhr dann: Plopp. Mein Mann und ich haben eine Flasche eisgekühlten Rosé aufgemacht. Wir sind echt keine Trinker. Aber die Flasche haben wir zu zweit gelehrt und ES TAT SO GUT.
 
Zombiekalypse
Den ganzen Tag funktioniere ich irgendwie und hangle mich von Station zu Station. Gestern Abend beim Wein trinken meinte mein Mann, er findet es so toll, wie Copperfield sich entwickelt und dass er heute so viel Freude mit ihm gehabt hat. Ich stutzte. Wo zwischen anspucken und anschreien lassen war denn die Freude? Sprachen wir vom gleichen Kind? Ich fragte nach. Mein Mann meinte: «Ja weisst Du, ich sehe ihn ja nicht die ganze Zeit, deshalb stört mich das Genöle am Wochenende auch nicht. Ich fand ihn heute einfach nur süss.»
Ich war betreten, denn ich hatte das meinerseits gar nicht so empfinden können. «Ich fühle mich wie an Abfalleimer. Tagein tagaus werde ich von der Grossen angepöbelt und muss ihre Stimmungsschwankungen ertragen, während ich die Zeit damit verbringe, den Kleinen zu füttern und mich vollkotzen zu lassen. Ich bin ein Zombie!» Traurig irgendwie.
 
Ja, Eltern zu sein, ist ein Knochenjob. Die Müdigkeit geht gerne bis in die Knochen, egal welchen täglichen Herausforderungen wir uns mit unseren einzelnen Kids stellen. Es ist ein 24-Stunden-Job. Sind wir nicht alle ein bisschen Zombie? Ich nehme mir jedenfalls fest vor, alles etwas lockerer zu sehen und mich wieder mehr an den Details zu freuen. Dass Copperfield zum Beispiel den Hintern in die Luft kriegt. Und LadyGaga gerne malt. Wenn auch zu später Stunde wie ein Zombie. 
 
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7 thoughts on “Zombies wie wir

  1. Ich kann dir nachempfinden.
    Wir hatten heute den 1. gemeinsamen Vormittag ohne Kinder seit ich weiß nicht wann (könnten 4 Jahre sein) und wir hatten wirklich NIX vor…
    Keine Ahnung wann wir uns das letzte Mal so gut unterhalten haben, bzw.einfach nur die Decke angestarrt haben 🙂
    In 3 Monaten bin ich dann wieder Zombie…

  2. Ich kann dich so gut verstehen! Mir geht es gerade ganz ähnlich. Und in solchen Momenten denke ich: ein zweites Kind? Wie bin ich nur auf die Idee gekommen, dass das funktionieren wird und dass ich das alles schaffe, dann mit 2 Kindern….? Aber bei allem Zombietum gibt es ja gute und weniger gute Tage. Ich freue mich dann einfach auf die besseren und hoffe im Stillen, dass Mütter speziell nach der Geburt eben einfach Superkräfte entwickeln, um alles unter einen Hut zu kriegen…

  3. Zum Glück wachsen wir mit unseren Aufgaben und Belastungen mit :-)) Du packst das! Und ja, nach der Geburt gibt es geheimnisvolle Superkräfte, das zweite Mysterium des Lebens neben der Geburt selbst. Und Fiona ist dann ja schon 5, sie wird Dir sehr viel helfen :-*

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